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Zukunftsmusik von Winson

 

Zufallsbekanntschaften – so habe ich einmal gelernt – können immer die eine oder die andere Bedeutung haben. Entweder sie sind Wegweiser, die durch die richtigen Impulse das Leben in andere Bahnen lenken oder einfach nur wieder gerade rücken. Oder sie üben Einfluss aus und nisten sie sich im Leben ein, sind nicht mehr wegzudenken. Nicht, dass man das dann noch unbedingt wollte. Zwischen diesen zwei Bedeutungen ist kaum Platz für eine andere Möglichkeit. Alles oder nichts.

 

Winson ist so eine Zufallsbekanntschaft. Als Ersatz für die erkrankte Band Spillsbury spielten sie beim „Ersten Mal“ in Bochum. Davon erfuhr ich allerdings erst ein paar Stunden vor dem Festival. Viel Zeit für eine Vorrecherche blieb da nicht, obwohl sie nötig gewesen wäre, denn für mich stellte die Band eine unbekannte Größe dar. Auch ihre erste Single Wovon lebt eigentlich Peter? war bis dato noch unbemerkt an mir vorbei gegangen. Also sortierte ich sie erst einmal – ungehört – in die Kategorie „Wegweiser“ ein. Meine Beweggründe für den Festivalbesuch waren schließlich ja ganz andere.

Und überhaupt: Wer ist eigentlich Winson? Und was hat er mit Peter zu tun? Winson ist einfach nur der Nachname eines jungen Mannes aus Frankfurt. Der nach dem Abschluss der Schule ein Mann mit einer Mission war. „Schnell machen, gut klingen“ hieß die. Neben der Mission verfügte er aber glücklicherweise noch über eine Bass-Gitarre und Abenteuergeist. Diese Kombination verschlug ihn nach Berlin, wo er dann eine gut funktionierende Beziehung mit Musiksoftware einging. Nach einigen vielen Experimenten und noch viel mehr Ideen hatte Winson bald ein paar Songs zusammen. Also scharte er Produzent und Band um sich, nahm das Album auf und erweitere die Mission: „Schnell machen, gut klingen – die Welt erobern.“ Und was das mit Peter zu tun hat, ist noch immer nicht so ganz geklärt.

Bereits die ersten Winson-Rhythmen, die ersten Töne des Gesangs faszinierten mich. Die Musik setzte sich fest, forderte zum Tanzen auf. Takt für Takt summierten sich die Beats, kamen neue Klangbilder hinzu. Alles war anders. Anders als das, was ich normalerweise an Musik liebte. Dachte ich. Die Stimme wurde elektrisch verzerrt, bis zur Unkenntlichkeit. Zuviel Elektronik, zu wenig Gitarren. Doch dann kam Peter. Bald darauf Paul. Leider ist das Trio-Cover „Los, Paul“ nicht auf Winsons Debütalbum vertreten. Obwohl das doch so herrlich gepasst hatte. Und spätestens da merkte ich: Man muss sich reinhören. Eintauchen in diesen Sound, der so anders ist. Aber nicht weniger toll. Eigentlich sogar viel mehr. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick, sondern sie ist gewachsen. An und mit Winsons Bühnenshow – denn auch die Newcomer, die in Bochum damals das erst zweite Konzert ihrer noch jungen Karriere spielten, steigerten sich von Song zu Song, bis sie die Menge mitrissen und für sich gewannen.

Mich hatten sie mit der zweiten Single „Liebeskummer ist Luxus“ erobert. Dieses Lied hat nicht nur Ohrwurmpotential durch die eingängige Melodie – noch Tage später summte ich diese Zeile vor mich hin und freute mich über die großartige Philosophie dahinter. Sondern es versprüht Lebensfreude, Optimismus und Zuversicht – so wie das gesamte Album „So sah die Zukunft aus“ (V2 records). Doch diese Einstellung kommt nicht altklug, lump oder belehrend daher – sondern wird in charmanter Berliner Schnauze vorgetragen. Manchmal gesungen, manchmal im Gespräch mit Bandkollegen – häppchenweise wird die Winsonsche Lebensweisheit verteilt, man muss nur eben genau hinhören.

Genau hinhören ist überhaupt das Wichtigste bei dieser CD, denn dann und nur dann entdeckt man immer wieder Details, kleine Wortfetzen, Töne, Geräusche oder Akkorde. Puzzelt man alles zusammen, erhält man ein großes Bild von der Winson-Welt. Ein Kosmos, in dem es sich um schicke Autos, Geld, Liebe, Frauen, Freundschaften dreht. Um den Alltag eben. Ein Alltag, in dem auch Kleinigkeiten wie „A Ecke O“ Wert und Bedeutung beigemessen wird. Manche Texte strotzen vor kleinen und großen Philosophien, andere bieten nicht viele Worte.

Brauchen sie auch nicht, denn schließlich gibt es immer noch die Musik, die so abwechslungsreich und niemals langweilig ist. Sie fährt in die Beine, macht Lust auf Tanzen. Eingängige Melodien, die man nicht so bald wieder vergisst. Schnelle Beats,  verquere Töne, eine noch schrägere Stimme. Lebenslust pur eben.

Alles in allem also eine CD für alle Lebenslagen: Verstärker für gute Laune, der Sonnenschein nach dem Regen und das Allheilmittel gegen Trübsinn!

Elisa Jannasch