MyCulture

 

 

 

Abendessen mit Virginia Jetzt!

 

Ein Interview mit der deutschen Newcomer-Band "Virginia Jetzt!" in kulinarisch-entspannter Atmosphäre

 

 

Ein rasanter Aufstieg: aus dem brandenburgischen Kleinst-Städtchen Elsterwerda in die Hauptstadt Berlin. Was hat euch dahin verschlagen?

Wie es eben so ist, wenn man mit der Schule, dem Zivildienst fertig ist, dann will man ja raus aus der Provinz und jeder geht halt in eine andere Stadt. Und zwei von uns hat es nach Berlin verschlagen und dann gab’s ja auch die Band. An den Wochenenden haben wir geprobt, mal hier, mal da und irgendwann sind wir dann alle nach Berlin gezogen.

 

Mia, Wir sind Helden, Sportfreunde Stiller und ihr – Virginia Jetzt! – viele deutschsprachige Bands tummeln sich momentan in der Musikszene. Erhöht das eure Erfolgschancen in den Charts?

Deutschsprachige Musik gab es auch schon vor vier Jahren, das war dann aber nur HipHop, oder vor acht Jahren, da war’s Indie aus Hamburg. Wenn man sich das mal anschaut, die Hosen, die Ärzte, das ist keine Musik, zu der wir für uns eine klare Verbindung sehen, aber die erfolgreich mit deutschen Texten sind und das schon seit vielen, vielen Jahren. Vielleicht überschätzt man diese Deutsch-Welle jetzt auch ein bisschen. Und die einzigen, die momentan wirklich erfolgreich sind, sind „Wir sind Helden“. Alle anderen, weder wir noch „Mia“ noch irgendeine andere Newcomer-Band, hat in diesem Jahr Geld verdient oder deren Plattenfirmen. Selbst bei einer Band wie „Wir sind Helden“, die so erfolgreich sind, stellt sich die Frage, wieviel am Ende für die Industrie übrig bleibt. Wir machen unsere Musik nicht des Geldes wegen, aber es ist schon eine Art von Gradmesser. Wobei man auch sagen muss, dass man munkelt, die Plattenfirmen würden extrem nach deutschsprachigen Bands Ausschau halten. „Wir sind Helden“ sind eben sehr erfolgreich, und auch überraschend erfolgreich.  Das ist jetzt eine Welle, die die Industrie versucht auszunutzen, wie sie es immer tut, dann aber scheitert, weil sie auch immer zu spät kommt.

 

Gibt es ein Erfolgsrezept für eine Band oder ist das auch Glückssache?

Das sind einfach eine Riesenmenge Talent und eine Riesenmenge Zufälle, Arbeit und Ärger. Manche, die viel Talent haben, kommen vielleicht leider nicht so groß raus – aber die sehen auch nicht so gut aus wie wir. Aber wie viele von den NDW-Leuten aus den 80ern, die damals richtig, richtig erfolgreich waren, gibt’s denn heute noch? Doch nur die, die auch wirklich was können. Talent gehört auf jeden Fall dazu. Nur - die Massenwirksamkeit deiner Musik kannst du ja nicht mit Talent bestimmen, daher ist es dann auch wieder viel Glück, wenn du ein Publikum mit dem erreichst, was du machst. Oder Schicksal oder so was.

 

Kennt man sich mittlerweile in der Musikszene untereinander oder fühlt ihr euch da immer noch wie Newcomer?

„Wir sind Helden“ sind schon Freunde. Es ist auch so, dass die Helden die Krone leider an uns abtreten müssen, denn sie haben letztens im Armdrücken und im Ringen gegen uns verloren. Eigentlich hätten wir ihren Bus jetzt, aber wir haben uns auf die Eins Live Krone geeinigt. Yvonne Catterfeld haben wir vorhin im Flugzeug erst kennen gelernt, aber so mit den Sportfreunden Stiller, den Helden, Mia sind wir schon befreundet. Oder: Helge Schneider, großartiger Jazz-Musiker. Spielt 27 Instrumente, oder so. Leider kennen wir ihn nicht persönlich. Und eine Kontrabass-Saite, die schon für Helge Schneider gespielt hat, ist jetzt auch auf unserem Album zu hören. Unserem Kontrabassisten ist bei der Aufnahme eine Saite gerissen und weil so ein Satz ja so unglaublich teuer ist, hat uns der Musikverkäufer gesagt, der Bassist von Helge Schneider war hier und hat seinen alten Satz da gelassen und meinte, wenn mal ein armer Schlucker kommt, dann gibst du ihm den.

 

Wie würdet ihr selbst eure Musik und das Album beschreiben?

Wir tasten uns gerade noch an unseren Sound heran, so probieren wir eben auch ruhigere Stücke aus. Eigentlich hatten wir mal mit viel, viel aggressiverer, schnellerer und punkigerer Musik mal begonnen und daher sind auch immer noch Rockstücke da, die auch manchmal das Ganze dominieren. Aber auf Dauer wäre das auch zu langweilig. Man probiert sich aus und irgendwann hat man den Dreh gefunden, wie man einen guten Sound hin bekommt.

 

Den Albumtitel „Who’s afraid of Virginia Jetzt?“ habt ihr euch ja aus einem Literaturklassiker entliehen. Wie kam es dazu?

Edward Albee hat es auch nur auf einer Klotür gelesen und so kam er selbst auf den Titel seines Stücks. Eigentlich ist es Thomas mal eingefallen. Das ist schon viele, viele Jahre her und da hat er das mal so aus Scherz gesagt: Ok, so wird unser erstes Album heißen. Es hat nicht so wirklich was mit dem Theaterstück zu tun, man kann es höchstens ein bisschen dahingehend deuten: Es steckt da schon so ein bisschen ‚Spirit’ von uns mit drin, das Sich-Nicht-Verstecken müssen / wollen, sondern irgendwie unbekümmert raus gehen. Der Titel ist auch sehr programmatisch und deswegen passt er eigentlich so ganz gut.

 

Wie funktioniert bei euch der Prozess des Songschreibens?

Meistens ist es Thomas, manchmal auch Angelo, der dann mit einem neuen Song ankommt. Und der Song kommt aus der Inspiration. Manchmal nachts, manchmal bei thailändischen Volksweisen oder bei den aktuellen Charts einfach nur die Akkordfolge umdrehen. Meistens aus dem Bauch heraus. Dann gucken wir uns das Stück an und versuchen, es fertigzustellen. Relativ simpel, eigentlich.

 

Diktiert Erfolg nicht auch den weiteren Karriereweg und verbiegt die Bands dann, hinsichtlich der Mitbestimmung durch Plattenfirmen?

Es ist schon richtig, dass man als Band erst einmal so weit kommen muss, dass man sagen kann: Ich scheiß auf alles. Es liegt an jeder Band selber. Sicher, man kann sich von dem Erfolg, seiner Plattenfirma oder seiner Freundin rein reden lassen, aber wenn man als Mensch einen starken Charakter hat, dann ist das schon schwieriger. Aber es liegt auch immer im Auge des Betrachters: Vielleicht finden wir unser nächstes Album total fad, es wird aber richtig erfolgreich und schon ist es Kommerz-Scheiße. Dann heißt es wieder: Die Band hat sich verbiegen lassen. Oftmals wird eine Band oder ihre Musik auch falsch verstanden. Es sind so ganz viele Sachen, die da mit rein spielen. Es ist auch eine Sache der Geschwindigkeit: Wenn man super schnell erfolgreich wird, von Null auf Hundert geht, ist die Gefahr natürlich größer, Sachen um sich herum einfach mal falsch anzunehmen. Dann kommt es natürlich auch aufs Umfeld an, wie man damit umgeht. Bei uns ist das ja so, wir machen das schon ein paar Jahre und es ging immer weiter nach oben, aber in kleinen Schritten, so dass man alles, was jetzt kommt, auch schon genau reflektieren kann. Wir kennen uns schon so lang und jeder würde dem anderen auch sagen, das finde ich aber nicht so cool, was machst. Das schützt auch so ein bisschen. Oftmals ist auch der Brennpunkt zwischen Band und Plattenfirma die Kommunikation, wie tritt man der Plattenfirma gegenüber? Was will die Plattenfirma? Was will die Band? Was soll passieren? Im besten Fall haben beide das Gleiche vor und dann ist ja niemand unzufrieden, weil alle letztendlich das Gleiche wollen.

 

Wie seht ihr eure Zukunft als Band?

Da geht einiges: auf jeden Fall erst mal ein neues Album machen, noch mal eine Tour, 4 Termine im Dezember mit „Miles“ zusammen und Angelos Comeback feiern, seine Rückkehr ins Business nach schwerer Krankheit. Mit der Mini-Tour schließen wir für uns das Jahr ab und bedanken uns praktisch bei uns selbst und das wird bestimmt ganz spaßig. Und dann gehen wir in den Proberaum und nehmen das neue Album auf. Das zweite Album wird... Keine Ahnung! Wir machen jetzt nicht die große Kehrtwendung. Wer das erste Album mag, kann auch reinen Gewissens das zweite kaufen und wer vom ersten noch nicht so überzeugt war, der sollte dann mal das zweite kaufen. Bisher ist unser erstes Album auch das beste, es steht da auch relativ alleine da. Das zweite Album wird das beste, wenn es fertig ist – wir haben aber noch nicht einmal damit angefangen. Man darf es aber auch nicht überbewerten: Wir machen ja nur ein zweites Album. Ob das dann besser oder schlechter wird, sieht man erst im Kontext oder nach vielen Jahren. Es ist ja nicht so, dass man reich davon wird. Wir gucken jetzt mal, wie lange es gut für uns läuft und wie lange es Spaß macht, aber dann irgendwann müssen wir ja wahrscheinlich sehen, wovon wir uns ernähren und dann zu Berufen oder Studium zurückkehren.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Elisa Jannasch

zuerst veröffentlicht auf:

www.youngmiss.de