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Mia: Sei wie du bist!
Die Berliner Band Mia hat ihr Debüt mit Bravour gemeistert, unzählige Fans begeistert und ist nun mit einem neuen Album am Start. Alles neu? Nicht alles, aber ein bisschen was. Anlässlich des EinsLive „Das Erste Mal“ stehen Mia als Paten für vier Newcomer-Bands auf der Bühne – und präsentieren ihr neues Werk „Stille Post“.
Die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Derart motiviert begebe ich mich sogar mal sehr gern in die Uni. Massenmediale Manipulationen in der Politik. Kaum trete ich allerdings aus der Haustür, klingelt mein Handy. Nachdem ich es endlich aus meiner Tasche herausgekramt habe, sehe ich noch: unterdrückte Nummer. Vorsichtig frag ich nach: „Hallo?“ – „Hallo, hier ist Mieze von Mia! Machen wir jetzt ein Interview?“ Klar. Kein Thema. Für Mieze kann die Uni gerne auch mal warten. Oder ganz ausfallen. Schließlich vertreten wir die Medien und über Politik reden wir ganz pflichtbewusst auch. In der Schule hätte man das praktischen Anschauungsunterricht genannt.
Letztes Jahr standet ihr als Frischlinge auf der EinsLive-Bühne, heute seid ihr die Großen und habt die Patenschaft übernommen. Was ist das für ein Gefühl? Es ist auf jeden Fall großartig, Pate für „Das Erste Mal“ zu stehen, weil es im letzten Jahr einfach super war. Die Bands saßen auch hinterher backstage zusammen und haben einen super Abend verbracht. Und so eine besondere Veranstaltung muss man mitnehmen. Als EinsLive angefragt hat, ob wir noch mal spielen, war das auf jeden Fall total klar. Lustigerweise ist das für uns jetzt auch wieder ein erstes Mal. Wir spielen halt das erste Mal die neue Platte. Und da ist es etwas Besonderes, als Pate aufzutreten. Wir spielen ganz neue Sachen und gucken dann: Ok, was passiert? Wie kommen die Lieder an?
Wie hat das
„Erste Mal“ eurer Karriere weiter geholfen? „Hieb und Stichfest“ ist ja seit dem Erscheinen bei EinsLive präsent gewesen. EinsLive hat sehr früh angefangen, zu unterstützen und dem Ganzen sozusagen die Krone aufgesetzt. Was ganz lustig ist, weil die EinsLive „Krone“ gibt’s ja auch noch, wo wir dann nominiert waren. Das war großartig vom Support her, was uns allen auch total bewusst ist. Und deswegen ist es schön, ein bisschen was zurückzugeben, von der Power und von der Kraft. Es ist auch nicht so, dass so etwas an uns vorbeigeht. Und deswegen ist es für uns wichtig, auf einem Konzert mal zu sagen, das ist für euch, danke schön!
Mit einer Patenschaft übernimmt man ja gleichzeitig auch ein Stück Verantwortung. Seht ihr euch grundsätzlich in der Position, Verantwortung, nicht nur für Nachwuchsbands und –Musiker, sondern auch für die deutsche Musikszene generell zu übernehmen? Ich glaube, jeder hat Verantwortung. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Leute, mit denen er umgeht. Da sollte man sich natürlich Gedanken machen. Verantwortung ist immer da, man ist sich ihr nur nicht immer bewusst. Und an solchen Tagen wird sie uns wieder bewusst gemacht, aber davon wird sie nicht weniger oder mehr. Generell ist es eher so, dass wir sind, wie wir sind und das ist ok. Wir propagieren nicht, verstell dich, sei möglichst perfekt, sondern: Sei, wie du bist und das ist total ok. Verantwortung ist in dem Sinne kein Gefühl, wo ich denke: Oh Gott, wie gehe ich jetzt damit um? Sondern es geht vor allen Dingen darum, an dem Abend einfach ein Konzert zu spielen, alles zu geben und es hinzukriegen, dass alle glücklich nach Hause gehen.
Bei dem Titel “Sonne” oder bei „Komm, mein Mädchen“ ist es mir wie schon auf eurem Debütalbum aufgefallen: Zwischen die deutschen Texte mischen sich immer mal ein paar englische Worte oder Satzfragmente. Mit welchem Ziel?
Ich hab ja schon
immer mit Englisch hantiert und teilweise auch auf Englisch geschrieben. Im
Englischen gibt es etwas Symbolhaftes. Das ist so, dass in dem Moment die
Melodie im Vordergrund steht. Englisch versteht aber nicht jeder gleich. Und so
entsteht dann ein Fragment. Ich muss auch gestehen, generell hab ich ein Faible
für Sprachen.
Es ist ja auch so, dass meistens ein ganz anderes Gefühl mit einer anderen Sprache rüber kommt. Genau, und das find ich eben total spannend. Und ich glaub, daher kommen auch immer wieder englische Einwürfe bzw. deshalb haben wir uns gedacht, wir machen mal eine französische Variante. Ich glaube, die ist auf der Single mit drauf. Da gibt es ja diese Euro-Vision von uns und die klingt nach hinten auf französisch und englisch aus.
Habt ihr euch zu Beginn eurer gemeinsamen Bandgeschichte bewusst für eine Sprache entschieden oder stand das Thema eigentlich gar nicht wirklich zur Debatte? Wir haben uns nicht zusammengesetzt und gesagt, wir machen alles in der und der Sprache. Sondern das war eine Herausforderung. Gucken, was zeigt uns. Es ist ja letztendlich so, wir machen Musik, die wir selber gerne hören würden. Sprachenmäßig hatten wir einige Versuche. Aber im Deutschen ist es halt so, dass ich den Klang total mag, die Art und Weise wie die Sprache swingt, und das fasziniert mich manchmal total. In dieser Hinsicht hat sie schon was vom Russischen oder Japanischen, so dieses Abgehackte. Und das zu bändigen macht voll Spaß, macht einfach total Spaß. Andere, neue Intentionen zu schaffen. Im Deutschen haben wir auch viele geflügelte Wörter oder Sprichwörter, die man in andere Sprachen gar nicht übersetzen kann. Und es macht total Spaß, auch diese zu benutzen. So Worte wie „außer Rand und Band“.
Das finde ich bei euch nämlich auch so schön, dass ihr euch nicht nur an der Oberfläche bewegt, sondern auch mal an die Wurzeln der Sprache zurückgeht. Das ist immer eine Art Spiel. Ja, total. Man kann Sachen ganz unterschiedlich betonen und schon meint der Kontext was anderes. Da ist auf jeden Fall auch noch sehr viel zu holen. Und ich hab das Gefühl, ich bin noch am Anfang. Ich lern ganz, ganz viel. Auch mit Hilfe der anderen Sprachen: sich mal anders auszudrücken oder auch Dinge in der Betonung mal anders zu meinen. Die ist natürlich für mich in meiner Berufung als Sängerin unerlässlich, die Faszination Sprache.
In einem Interview habt ihr euch selbst einmal als ‚politische Band’ bezeichnet. Was ist für euch Politik, wo fängt sie an? Ich glaube, dass Politik für uns nicht mit einer Partei verknüpft ist oder mit diesen Verklemmungen und Reformen und mit einem Bundeskanzlertitel, sondern Politik fängt für uns an, wo sich zwei Menschen treffen. Die Art und Wiese, wie wir Entscheidungen fällen. Politisch sein ist in diesem Sinne etwas total Normales für mich. Also bewusst sich mit dem auseinander zu setzen, was passiert. Bewusst teilnehmen daran. Oder Einfluss nehmen darauf. Das ist für mich eigentlich gar keine Frage, sondern eben total normal.
Kann man mit Musik Politik beeinflussen? Es gibt Momente, wenn wir zum Beispiel bei einem Konzert vor zweitausend Leuten stehen und anfangen, untereinander zu fühlen, und zu merken, dass wir hier mit einer Band sind, die dem Publikum begegnet und sich mit ihm vereint. Und das ist eine unglaubliche Power, die muss man einfach im Magen zu spüren. Und wenn die generelle Frage, die nach einer Identität, die nach einem „Wo bin ich zu Hause? Wo komm ich her? Wo will ich hin?“, sich in einem Lied laut stellen lässt, dann wirkt Musik auch auf Politik ein, auf jeden Fall. Also auch auf die Politik, die du für dich machst, die du für dich entscheidest. Es gibt diese Sachen, die mir grad durch den Kopf gehen, dieses „Wodurch definiert sich eine Gruppe? Eine Gruppe von Menschen.“ Manche sagen, die definiert sich dadurch, dass sie Dinge boykottiert und sagt, das und das find ich scheiße, das gefällt mir nicht. Und deswegen gehört sie zusammen. Aber mir ist es gerade eher wichtig, zu sagen, das und das gefällt uns, wir sind auf einer Wellenlänge. Also eher die Dinge, die uns zusammenhalten und die uns verbinden, die definieren uns. Und das mag ich eben auch bei einem Konzert. Das da ganz viele Leute sind, die Ja sagen zum Leben und Ja zu Veränderungen.
Seht ihr euch als Mitbegründer einer neuen Richtung in der deutschen Musikszene an? Ich glaube, es war schon sehr viel vorher da. Künstler wie Blumfeld, Grönemeyer und Westernhagen, die hat’s ja schon früher gegeben. Letztendlich hat aber auch „Hieb und Stichfest“ total laut geschrieen und gefragt: Wo seid ihr alle? Wir wollen das Gute, Neue hören. Und es ist echt schön, mitzukriegen, dass man da so eine Art Weg geebnet hat oder einen Raum geöffnet hat. Und dann kamen da auch ganz schön Viele nach. Aber so eine Band wie die Sportfreunde waren sozusagen auch immer da, und es gab auch deutsche Bands, die aber auf englisch gesungen haben und wo man das dann nicht sofort gewusst hat. Aber generell bin ich total froh, dass es da auf einmal den Mut gab und auch das Bedürfnis. Diese Entwicklung ist richtig spannend, auf jeden Fall.
Mittlerweile gibt es ja eine ganze Menge deutschsprachiger Bands und Künstler auf dem Markt. Wie betrachtet ihr diese Entwicklung? Das wird sich wirklich noch zeigen. Ganz viel ist wirklich noch ganz am Anfang, das kann man noch gar nicht einschätzen. Es gibt Sachen, die sind weniger spannend, und welche, die sind mehr spannend. Es gibt halt ganz viele Projekte jetzt. Und ich bin sehr neugierig, was kommt da als Nächstes? Was wird da? Ja, worauf können wir uns freuen? Ich mag das, wenn ich so sehen kann, wie sich Dinge entwickeln. Es ist wichtig für mich sagen zu können, das ist etwas anderes, das ist anders. Es ist halt spannend, wenn man bei Bands und Projekten eine Linie erkennen kann, wo geht’s hin. Ich lass mich dann gern überraschen und bin schon sehr gespannt.
Meint ihr, dass es viele Nachahmer gibt, die nur diesen Trend ausnutzen wollen? Klar, ganz unvermeidlich. Und die kommen dann und gehen und kommen dann zum nächsten Trend wieder und gehen auch wieder. Musik oder Charts werden immer von Angebot und Nachfrage bestimmt. Da können auch die Radiostationen nicht viel machen. Zum Beispiel finde ich auch spannend, wie die Medien generell mit Künstlern aus dem eigenen Land umgehen. Und generell ist da noch ein ganz großes Schielen nach Amerika und internationalen Stars. Der Mut kann ruhig aufgebracht werden, die eigene Kultur zu unterstützen.
Eure Musik hat sich im Vergleich zu „Hieb und Stichfest“ gewandelt. Sie ist ruhiger - noch lange nicht ruhig - geworden, die Texte sind tiefgründiger, eben auch politischer. Womit begründet ihr das?
Ich hab das
Gefühl, ich bin noch direkter, unmittelbarer geworden. Also was du als „ruhig“
definierst, ist der direkte Weg. Das ist nicht mehr der Umweg über laut und
guck, guck, guck, hör mal her! Sondern das ist keine Angst davor zu haben, zu
sagen, hier tut’s mir auch mal weh. Und bei „Hieb und Stichfest“ hab ich
mich noch gescheut, zu sagen, hier und hier sind Schwächen, und hier und hier
hab ich ganz leise Momente.
In „Pro Test“ geht es ums Aufrütteln, ums Wollen und Nicht-Wollen. Doch es werden keine Lösungen aufgezeigt. Warum nicht? In „Pro Test“ ging es mir vor allem um das für-etwas-protestieren. Und das fing da schon an mit diesem Boykottieren, die Protestieren gegen Grenzen, aber ich bin ein Mensch, ich bin für Menschen. Also dieses für etwas sein, das ist mir total wichtig. Dieses Lied könnte ich mir gut auf einer Demo vorstellen. Eine große Gruppe von Menschen zu vereinigen, zu sagen, hey, wir sind gemeinsam aufgestanden. Das wär mein großer Wunsch!
Wie sehen eure Pläne für dieses Jahr aus? Tour, Konzerte? Ganz genaue Dates findest du unter www.miarockt.de. Ansonsten kann ich dir schon sagen, wir sind bis September unterwegs. Die gesamte Festival-Saison, tolle Open Airs. Da freue ich mich total drauf. Wir werden in Sibirien spielen, Ungarn, Belgien, also alles ein bisschen strecken. Und generell ist das auch ein Ziel, wo’s hingeht, einfach noch mehr gucken, was passiert in Frankreich, in England, in Amerika. Sich trauen, diese Musik vorzustellen, dieses Lebensgefühl mitzunehmen. Dann gibt’s da noch die Herbst-Tour. Die wird sehr viel persönlicher, weil es unsere eigene Tour ist. Das wird einfach ganz unmittelbar und direkt. Da kommen die Leute wegen uns hin und wir wegen denen.
Ach ja, und ich
wollte dir noch sagen, dass wir „Ökostrom“ als nächste Single rausbringen.
Ich glaub, du bist die Erste, der ich das erzähle. Umweltschutz ist generell ein
wichtiges Thema. Das ist nicht cool oder uncool, sondern permanent wichtig. Zum
Beispiel kann so ein Lied dazu führen, dass ich, wenn ich mir morgens die Zähne
putze nicht das Wasser laufen zu lassen. Und das ist auch diese eine Zeile, die
ich immer im Kopf habe: „Wo fließt das viele Wasser hin, während ich noch am
Zähneputzen bin…“ Und wenn das, weiß nicht, bei zehntausend anderen Leuten
auch so ist – juchhu! Das Lied rockt, auf jeden Fall. Ich find das sehr, sehr
schön!
Was wünscht ihr euch für die deutsche Musikszene? Was sollte sich ändern? Ich glaube, dass das alles seinen Weg geht. Ich hab da kein doofes Gefühl oder so. Ich hab da nicht das Gefühl, ich müsste da jemandem auf die Beine helfen. Es gibt tolle Acts, es gibt 2Raumwohnung, … Es gibt viel, es gibt die Beatsteaks. Alles ist gut, wir müssen uns da keine Sorgen machen! Es ist ganz, ganz viel da. Wir können uns erfreuen an dem, was da ist, und gucken, wohin es gehen wird. Was ich mir für mich und für uns alle auf jeden Fall wünsche, ist viel Gesundheit. Dass alle verrückten Träume umgesetzt werden können.
Mieze, danke fürs Interview! Es hat riesig Spaß gemacht!
Elisa Jannasch
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