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Gestatten? - Deutsche Bands im Vorstellungsgespräch

 

Wer denkt, die Musikwelt in Deutschland besteht aus Casting-Wundern und importierten Stars, der befindet sich - klapp klapp - auf dem Holzweg. Dass dem wirklich nicht so ist, beweisen hier vier junge Bands: V-Männer, Mia, soListen und Wir sind Helden. Und sie wissen, was gute Musik ausmacht - sonst wären sie wohl niemals hier gelandet.

 

 

V-Männer, "Silber-Edition 2003"

Sommer, Party, gute Laune - danach klingt die neue Scheibe der V-Männer. Ideal für alle Lebenslagen: die passende Begleitung bei sonnig-guter Laune und der Rettungsanker bei trüben Gedanken.

Wer bisher glaubte, nur Fettes Brot und Störtebecker wissen, dass der Norden rockt, hat sich geirrt. Gewaltig! Oder ihr kennt ganz einfach die Hamburger V-Männer noch nicht.
Vier Jungs - ihren Angaben nach überaus anständig - wollen rocken und vor allem euch Beine machen. Mit einer Mischung aus Disco und Funk, Gitarrenriffs, die Jimi Hendrix Ehre machen und Schlagzeug-Klängen, die dem Wort Beat eine neue Dimension verleihen.

Sänger und Keyboarder Rainer verströmt live die Energie, die auch auf der Platte zu spüren ist und begeistert damit das Publikum. Schlagzeuger Christoph hat den Rhythmus im Blut und bringt somit auch den Letzten wenigstens zum Mitwippen der Füße, wenn nicht gleich die Massen zum Feiern. Ole legt die legendären Gitarrensoli hin und Malte ist der Bassist, dessen Charme keine Frau widerstehen kann.

Und zusammen machen sie Musik, die Spaß macht und eigentlich ganz groß ist. Finden sie. Und ich. Du bestimmt auch!

"Silber-Edition 2003" handelt in locker-flockiger Manier von - der Liebe natürlich. Erfrischenderweise wird das Thema hier einmal nicht in zu ernst-leidendem Ton dramatisiert, sondern es werden auf heitere, manchmal ironische Weise Geschichten erzählt.

Und was bewegt die V-Männer sonst noch? Party und Spaß! Ganz unerwartet, aber durchaus passend schleichen sich ab und an auch beinahe philosophische Erkenntnisse und Phrasen ein - mundgerecht serviert und in nicht zu großen Brocken, versteht sich. Alles in allem also eine gelungene Mischung aus Tempo und langsameren Beats, witzigen Sprüchen und nachdenklichen Passagen.

"Und heut wird alles anders, an diesem neuen Tag" - denn wer einmal die V-Männer gehört hat, kommt nicht mehr von ihnen los. Ohrwurmgarantie!

 

 

Mia, "Hieb & Stichfest"

Meine Bekanntschaft mit Mia begann rein zufällig. Ein Freund erzählte mir von einer Band und ihrem Lied, das sich in seinen Ohren festgesetzt hatte. Um mir das zu verdeutlichen, begann er es mir vorzusingen.

Da er mir aber bereits seit drei Uni-Veranstaltungen ständig irgendwelche Lieder vorgesungen hatte, klang mittlerweile alles ziemlich gleich. Aber das hier schien zumindest interessant. Deswegen machte ich mich gleich mal auf die Suche nach diesem Lied.

"Alles wird wie neu sein" lärmte es mir bald aus meinen Boxen entgegen. Eine Mischung aus einer gewöhnungsbedürftigen, schrillen Stimme, Gitarren und schrägen Soundeffekten, die manchmal ins Psychedelische abzurutschen drohen. Stakkatohafte Beats, die dem Album Hieb & Stichfest ein unglaubliches Tempo verleihen. Als Elektro-Punk beschreiben Mia selbst diesen Sound. Und dazu diese Stimme.

Im ersten Track "Ekelhaftes Benehmen" singt Frontfrau Mieze "muss meine Stimme sein, die dich erschreckt". Vielleicht, mag ja sein, aber ver-schreckt hat sie mich nicht!
Die Texte sind hauptsächlich auf deutsch, vermischt mit mal mehr oder weniger vielen Brocken Englisch. Passend zu dem Sound bestehen die Lyrics manchmal nur aus Satzfragmenten, die dem Zuhörer (fast) aggressiv vor die Füße geschleudert werden: Schluck's oder stirb. Alles in allem eine hochexplosive Mischung.

Aber so sind Mia eben. Andi und Ingo spielen Gitarre und sind kratzig und widerborstig. Bob ist der Bassist, Gunnar platziert präzise Schlagzeug-Beats und Mieze singt - direkt. Die Berliner Formation will ehrlich, nicht artig sein. Das vermittelt sie außerordentlich gut.

Und man glaubt ihnen aufs Wort, dass sie einfach nur Musik machen, alles geben und nachher total hinüber sein wollen. Anstiften ist ihr höheres Ziel. Tun sie auch denn niemand, der "Hieb & Stichfest" hört, kann dabei einfach nur ruhig dasitzen und zuhören. Es werden ungeahnte Energien davon freigesetzt und man will sich zusammen mit der Musik austoben, verrückte Aktionen starten.
Ich gebe aber auch gerne zu, sie gehört für mich in diese eine, spezielle Kategorie von Platten: Einmal gehört - und erst mal nicht wieder. Später wieder ausgegraben und Gefallen gefunden. Und von Mal zu Mal liebe ich sie ein Stück mehr. Später steigen diese CDs bei mir dann meist zu den absoluten Lieblingen auf.
Und um dem Freund, der diese Bekanntschaft einfädelte, einmal gerecht zu werden: Es lag nicht nur an seiner Singerei, diese Platte ist wirklich laut, anstrengend und gewöhnungsbedürftig - aber Zuhören lohnt sich!

 

 

soListen, "Trostpop"

Ein grauer, trüber Regentag. Eigentlich ist es ganz gemütlich - einfach so im Büro zu sitzen bei einer Portion Nudeln vom Asiaten. Und dann noch diese Scheibe in den Händen zu halten. "Trostpop" heißt sie. Von soListen ist sie. Und Trost ist heute wirklich angebracht!

Rockige Töne erschallen aus den Boxen. Von wegen Pop. Die Stücke sind treibend und energiegeladen, die Stimmen der Sänger passen angenehm dazu und gehen ins Ohr. "Komm, beleb mich, beleb mich" - wieso ich? Das tut ihr doch schon. Zwischendrin und ganz am Ende Gitarrensoli, die es jedem Musikfan warm ums Herz werden lassen und zum Luftgitarre-Spielen einladen. Die Texte sind auf deutsch - sie erzählen von Einsamkeit und Zweisamkeit, klingen mal resigniert und sprechen dann wieder Mut zu:

Kurzum, es dreht sich um den Alltag, so wie ihn jeder erlebt. Langsam klingen die letzten beeindruckenden Takte der CD aus. Schade eigentlich - und schön, dass "Trostpop" ein Doppelalbum ist.

Noch nie von soListen gehört? Spätestens jetzt solltest du das nachholen. Eine Berliner Band, vier Musiker aus Berufung mit ganz normalen Berufen. Felix ein angehender Jurist, Jonas ein Erwachsenenpädagoge, Goran E-Technik-Informatiker - nur Andreas verkörpert die Bandpersönlichkeit in allen Lebenslagen.

Doch sie sind mehr: Poeten, die den grauen Alltag mal kritisch, mal ironisch, doch immer unterhaltsam aufhellen. Sie passen in keine Schublade, wollen das auch gar nicht - und das ist gut so.
Was früher auf dem guten alten Vinyl die B-Seite war, ist heute schlicht und einfach - CD II. Trotzdem sind die Gemeinsamkeiten nicht von der Hand zu weisen. Die Remixes von Siff I. Cillin verleihen den Tracks der ersten CD und auch der Band ein ganz neues Gesicht: Der Hang zum psychedelischen, zuweilen avantgardistisch-trashigem Klang kommt deutlich zum Ausdruck - insgesamt lädt diese Hälfte des Albums nicht nur zum Chillen und Träumen ein, sie wühlt auch auf und ist so als eine "musikalische Reflexionsebene" von CD I zu verstehen. Und wer weiß, vielleicht avanciert CD II bald zum Geheimtipp, denn: Waren im Nachhinein nicht immer die Lieder der B-Seite die wahren Schätze?

Die Nudeln sind alle, die CD zu Ende - und getröstet bin ich jetzt auch. Denn: "Am Ende war es eine schöne Zeit."

 

 

Wir sind Helden, "Die Reklamation"

Es ist spät. Ich bin zu spät dran. Und stehe zu allem Überfluss auch noch im Stau. Eine Stimme im Radio kündigt die "Melodien von morgen" an. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn meistens freut man sich danach über das Heute oder Gestern. Nach den ersten Takten merke ich jedoch, wie mein Frust langsam schwindet.

"Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück." Hab ich mir auch schon öfter gewünscht. Und auf der Stelle verliebe ich mich in diese Wortakrobaten. Einfach so, aus heiterem Himmel. Wir sind Helden heißen sie, Helden der deutschen Sprache sind sie. Wortspiele und -kreationen am laufenden Band, dazu eine gute Spur Kritik, Ironie und Sarkasmus - "und voilà" - von wegen "Integration". So etwas hatten wir schon lange nicht mehr in unserer manchmal doch sehr kleinen Musikwelt, weil es sich vom Mainstream und dem Einerlei künstlich zusammengecasteter Bands distanziert.

Die Texte handeln von Konsumkritik, Selbstverständlichkeiten, Missverständnissen, dem Verlernen von Wundern und der Liebe. Und auf dem Album findet sich auch der Track "Rüssel an Schwanz" - laut Bandaussage "ein Lied über niedliche Tiere". Da ist es endlich. Dieses Adjektiv, das mir schon so lange auf der Zunge liegt, sich aber nicht herausgetraut hat, weil es einerseits so passend, andererseits aber ein Magnet für abwertende Vorurteile ist.

Es liegt nicht an der Stimme von Frontfrau Judith, denn die ist kräftig laut, manchmal flirtend und provozierend, doch nie zurückhaltend. Warum auch? Die Botschaften sind wichtig und einfach nur so wahr. Niedlich - das liegt wirklich einzig und allein an der Wortwahl in den Texten. Herrlich schön poetisch.
Der Sound ist mal rockig, poppig oder verträumt. Nie aufdringlich. Er harmoniert wunderbar mit den Texten, und die stehen bei dieser Platte eindeutig im Vordergrund.

Gemacht werden die Songs von dem Bassisten Mark, dem Schlagzeuger Pola Roy, dem Keyboarder und Gitarristen Jean-Michel und der singenden und textenden Gitarristin Judith. Das Erfrischende an dieser Band ist, dass sie auch wirklich aus jedem vorgezeichneten Newcomer-Band-Schema heraus fällt: Die Musik stammt aus ihrer eigenen Feder und kommt von Herzen, die Band hat sich selbst gefunden (gut - vielleicht hat Judith auch nur die anderen gefunden und nach Berlin gelockt), ihre Auftritte und Videos sind nicht so glatt und durchgestylt, wie man es sonst aus der Popwelt gewohnt ist.

Letztendlich bin ich an diesem Abend noch richtig zu spät gekommen. Erstaunlicherweise fand ich zwar sofort einen Parkplatz, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz, den Zündschlüssel aus dem Schloss abzuziehen - schließlich musste ich doch erst dieses Lied zu Ende hören...

 

Elisa Jannasch

zuerst veröffentlicht auf:

www.youngmiss.de