|
|
|
L1VE “Eine Nacht in Bonn” oder: Wir lernen unseren ehemaligen Regierungssitz kennen
Die Wahl der nächsten Veranstaltung ist schnell getroffen. Nach der Musik ist intellektueller Anspruch gefragt. Also auf zur Lesung mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Der Weg ist kein Problem. Ist ja schließlich der gleiche wie der Hinweg. Da ist die Grenze zum Übermut schnell überschritten. „Ich glaub, wenn wir jetzt hier rechts, die nächste links und dann wieder links gehen, müssen wir nur noch geradeaus. Ach ja, und kurz bevor wir da sind, noch mal ein bisschen rechts. Oder links. Ach, keine Ahnung.“ – „Meinst du echt?“ – „Werden wir ja sehen.“ Haben wir auch. Nämlich, dass ich rechts und links tatsächlich verwechsle. Allerdings nicht immer, was die Sache noch komplizierter macht. Immerhin sind wir pünktlich genug angekommen. Was will man mehr. Und wir haben Bonns Innenstadt bewundert, inklusive ein wenig Window-Shopping. Alles Wichtige eben.
Zu fortgeschrittener Stunde lud Benjamin von Stuckrad-Barre zu einer Lesung aus seinem neuesten Werk „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix II“ im Rahmen des Einslive Klubbing ein. Zwei Jahre lang war es ruhig um den Vorzeige-Pop-Literaten Deutschlands geworden. Gut gelaunt, wenn auch etwas unkoordiniert warf er sich in einen der stylischen Sessel im 70er Jahre-Look auf der Bühne. Nachdem er sich seines Rechts zu Rauchen versichert hatte, füllte er noch schnell die einzigen freien Plätze. Ausgerechnet in der ersten Reihe. Zu seiner Enttäuschung nicht mit hübschen, jungen Frauen. Aber man kann ja nicht immer alles haben. Zur Not hatte ja er schließlich auch etwas Verpackungsmaterial dabei. Genau von dem, das aus lauter kleinen Luftbläschen besteht. Schon als Kind fand ich dieses kleine Knack-Geräusch faszinierend. Fast noch spannender fand ich allerdings den Prozess, die Luft so in eine Ecke zu quetschen, bis die Plastikfolie schließlich unter dem Druck nachgab und mit einem „Klack“ zerplatzte. Benjamin von Stuckrad-Barre dagegen benutzt sie als Ventil für seine Nervosität. Auch eine Möglichkeit. Während er bei früheren Lesungen erst langsam mit dem Publikum warm wurde, setzte er beim Klubbing von Anfang all seinen Charme und Witz ein. So hatten die Pausen, in denen Musik-Tracks eingespielt wurden, für den Publikum hohen Unterhaltungswert. Allerdings ließ dies zum Ende der Sendung hin immer nach, fast so als würde ihm die Puste nach diesem Blitzstart ausgehen. So vertiefte er sich lieber in sein Buch, blätterte hin und her, auf der Suche nach geeigneten Stellen zum Lesen. Dazwischen, davor, danach, immer die obligatorische Zigarette. Während des Interviews schickte Stuckrad-Barre Moderator Mike Litt des Öfteren auf die Suche nach möglichst präzisen Formulierungen, neuen Fragen oder einfach nur nach der korrekten Aussprache seines Namens. Denn auch das birgt so einige Schwierigkeiten, wie das Publikum eindrucksvoll vorgeführt bekam. Doch davon abgesehen drehten sich die Interview-Passagen hauptsächlich nur um zwei Themen: Zürich und Stuckrad-Barres gesundheitliche Probleme. Beides hatte der Autor und Journalist schnell und nachvollziehbar beantwortet, trotzdem kreisten die Fragen noch lange weiter um diesen Komplex. Neue Erkenntnisse von Seiten Stuckrad-Barres brachte dies jedoch nicht. So waren denn auch die Auszüge aus seinem neuesten Werk („Nein, das ist keine Wiederaufwertung von alten Texten!“) umso erhebender. Hier bewies das Schreib-Multitalent wieder einmal, dass er die Kunst des pointierten, sarkastischen und präzisen Malens mit Worten beherrscht wie sonst kaum ein anderer in der momentanen deutschen Literatur-Gesellschaft. Erfrischend, so viel Ehrlichkeit. Manchmal distanziert, manchmal fast überheblich, meist ein Lachen provozierend, doch nie die Wahrheit verbiegend. Er spielt mit Klischees und Vorurteilen, weiß er doch aus eigener Erfahrung, wie schnell man diesen zum Opfer fallen kann. Auch nach dem Ende der Aufzeichnung verlassen weder Autor noch Publikum fluchtartig den Raum. In demokratischer Abstimmung werden noch weitere Texte zum Lesen bestimmt. Dabei wird deutlich, dass Benjamin von Stuckrad-Barre sich im Umgang mit seiner Literatur – beim Schreiben, beim Lesen – am sichersten fühlt, dies ihm den größten Spaß macht – und dass es auch das ist, was er mit Abstand am besten beherrscht.
Szenenwechsel: Nach der Lesung werden im Foyer hektisch die Stadtpläne hervorgekramt. Man will ja schließlich nichts verpassen. Was denn eigentlich? Denn alles mitnehmen, das geht nun beim besten Willen und größter Party-Kondition nicht. Entscheidungen werden getroffen. Ein halbes Dutzend Köpfe beugt sich über eine mittlerweile sehr mitgenommen aussehende Karten, mindestens genauso viele Zeigefinger deuten auf große Pfeile – nicht alle auf die gleichen, versteht sich. Dann schauen alle wie auf Kommando hoch. Ratlose Blicke. Wo ist das? Wo sind wir? Also erst mal ein Stift rausgekramt. Und dann fangen sie an zu malen. Sehr viele Striche und Routen. Jetzt sieht der Plan schön bunt ist. Selbst wenn die Gruppe ihre Party nicht mehr gefunden hat – was nach dieser Labyrinth-artigen Zeichnung kein Wunder wäre – haben sie zumindest Bonn ein wenig näher kennen gelernt.
Partys feiern, lautet die Mission des Abends. Bonn kennen lernen, war ein wunderbarer Nebeneffekt – ob geplant oder nicht, sei dahingestellt. Beides war von Erfolg gekrönt, denn in dieser Nacht kamen alle auf ihre Kosten – sowohl Fans als auch die Künstler selbst. Elisa Jannasch
|