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Paul Verhaeghen: Omega Minor
Der Zufall ist das wahre Wesen der Dinge. Behauptet Paul Andermans, der Erzähler des Romans von Paul Verhaeghen. Denn zufällig ist er auch in die Memoiren des Josef de Heer geraten, denen er lauscht und die er der Nachwelt erzählt. Ein Epoche voller Ereignisse, die zufällig aneinander gereiht, die Geschichte eines ganzen Landes ausmachen. „A mad existence- and it’s all we share.“
Josef de Heer behauptet, ein Jude zu sein und erzählt sein aus großen literarischen Biographien abgekupfertem Leben. Doch ist er eigentlich Helmut Hinkel. Er erzählt, wie er Aria Guna, die nicht-reinrassige Tochter der Nazi-Pornoschauspielerin Helena Guna, in Auschwitz-Birkenau aus den Fängen des Dr. Mengele zu retten versucht. Diese Aria, die später Nebula zur Welt bringen wird. Nebula, die seine Geschichte als Lüge entlarven hilft. Er erzählt von der Politik, von dem Elend, dem Sterben, der Gewalt, dem Nicht-Enden-Wollen. Er erzählt, wie er nach und nach den Glauben an das Nazi-Regime verlor. Es geht um die Individualität. „Ich bin ich“ sagt Nebula einmal. Nebula, die Filmkünstlerin, die sich im Verlauf des Romans selbst entdeckt. Vielleicht eine Sinti, vielleicht eine Roma. Die Geschichte wird sie noch entdecken. „Ich bin einzigartig. Ich bin keine Ableitung, ich bin kein Anfangspunkt. Ich bin ich.“ Es geht um Liebe. „We all die, sugar, that’s why we must love each other so hard.“ – Liebe ist in diesem Roman immer tragisch, immer schwer. Denn selbst wenn sie erwidert wird, so wird sie doch durch den Tod beendet. Doch meistens werden Lieben frühzeitig verloren, nie wirklich gelebt – und doch leben sie weiter in den Herzen der Überlebenden. De Heers Geschichte und die des Paul Andermans sind ineinander verwoben – denn auch wenn Paul der Vergangenheit lauscht, so geht doch sein eigenes Leben in der Gegenwart unaufhaltsam weiter. Vergangenheit und Gegenwart werden als ein Gewebe gezeichnet, verstrickt durch Konsequenzen, Nachtragen, Schuld und Sühne.
Der Roman beschreibt unglaublich eindringlich, mit großer Wortgewalt und vielen Bildern eine Epoche der Weltgeschichte, die sich durch Brutalität, Unmenschlichkeit und Schicksale für immer eingebrannt hat. Nie vergessen sein wird. So wichtig dieses Nichtvergessen auch ist: „Die Welt dreht sich weiter, immer weiter. Sie hat kein Ende. Die Welt hat niemals ein Ende. Niemals ein Ende.“ – Denn die Zukunft hat doch schon längst angefangen. Und wir können sie selbst beeinflussen.
Paul Verhaeghen, 1965 in Belgien geboren, lebt mittlerweile in den USA, wo er an der Universität von Syracuse, New York, kognitive Psychologie lehrt. Diese Einschläge sind dem Roman deutlich anzumerken, jedoch fallen sie nicht unangenehm ins Gewicht. Den Roman hat Paul Verhaeghen jedoch in seiner Muttersprache, dem Flämischen, verfasst.
Sein schriftstellerisches Debüt feierte Verhaeghen bereits 1996 mit dem Roman „Lichtjahre“, der von der internationalen Kritik hochgelobt und prämiert wurde. Für sein zweites Werk recherchierte der Autor selbst sehr intensiv und setzte sich mit der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhundert sowie der Relativitätstheorie auseinander.
Fazit:
Ein wunderbar vielschichtiges Buch voller Referenzen und mit einer Liebe zu detailgetreuer Erzählung. Gerade der Einstieg ist herausfordernd und manchmal gar langatmig, aber der Roman entlohnt mit einer phantastischen Reise durch die menschliche Psyche, durch Physik und Geschichte.
Elisa Jannasch Paul Verhaeghen, Omega Minor
Gebundene Ausgabe
- Eichborn
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