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José M. de Vasconselos: Mein kleiner Orangenbaum

 

Der Erzähler, der fünfjährige Sesé, berichtet von seinem ärmlichen Leben, seinem inneren Teufel und seinem ungeheuren Wissensdurst. Zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern wächst er in Brasilien auf und muss viel schneller erwachsen werden, als so mancher Große selbst.

de Vasconselos lässt das harte Leben des kleinen Sesé oftmals leicht und zauberhaft erscheinen. So lernt er wie durch ein Wunder lesen, wodurch er mit ein wenig Schummelei vorzeitig eingeschult werden kann. Denn was Sesé auszeichnet, ist sein scheinbar unstillbarer Wissensdurst, seine Faszination mit neuen Wörtern. Und so ist er in der Schule auch bald ein tadelloser und vor allem gutherziger Schüler. Zuhause kümmert er sich gern um seinen wunderschönen Bruder und möchte wenigstens ihm die Armut erleichtern. So denkt er sich phantastische Geschichten aus und malt ihm fremde Welten und Ideen aus. Aber dann gibt es noch den anderen Sesé, der einen kleinen Teufel in sich stecken hat, der ihn zu allerlei Streichen anstiftet. Und so kommt es, dass der kleine Junge auch sehr oft harte Schläge von seiner Familie einstecken muss.

Dies alles ändert sich, als die Familie umziehen muss. Durch die Arbeitslosigkeit des Vaters ist die Familie zu dem Wechsel in ein kleineres Haus gezwungen. Dort im Garten schließt Sesé Freundschaft mit dem kleinen Orangenbaum, den er zärtlich "bébé" nennt. Mit dem kleinen Baum führt er phantasievolle Gespräche und berichtet ihm von seinem Kummer und seinen Gedanken.

Als er auf wundersame Weise Freundschaft mit dem Portugiesen, dem reichsten Mann der Stadt, schließt, wendet sich das Blatt für Sesé. Er erfährt, was es heißt, lieben und geliebt zu werden. Er genießt die Aufmerksamkeit und lernt wichtige Lektionen über das Leben, was Vergebung und Reue bedeutet, und vor allem Vernunft.

 

Der Roman erzählt in einer klaren und schlichten Sprache die Erlebnisse, und ist doch unheimlich anrührend. Trotz allem ist es keine traurige Geschichte, denn de Vasconselos versteht es, immer die Hoffnung zu unterstreichen. Er betont die kleinen Dinge im Leben, die Lichtblicke, und zeigt deren Wert auf. Wie selbstverständlich sieht er auch in der größten Not noch die Vorteile. Diese Einstellung geht uns in der heutigen Zeit leider viel zu häufig abhanden, obwohl sie gerade für uns so wichtig wäre.

Gleichzeitig ist dieser Roman auch ein Bezeugung dieser Freundschaft zum Portugiesen, ein Bekennen zu ihr. Durch ihn konnte der Erzähler erst sein Leben und die ihm gebotenen Chancen erkennen lernen und letztendlich nutzen. Es zeigt, dass es in jedem Leben einen solchen Menschen, ein solches Ereignis gegeben haben muss, das uns lenkt und beeinflusst. Unbewusst oder bewusst. Und dass es manchmal wert ist innezuhalten, um diesen Moment zu identifizieren und für ihn zu danken.

 

José Mauro de Vasconselos (1920-1984) erzählt in diesem Werk von einem Jahr seiner Kindheit und schildert seinen Traum, ein Dichter zu werden. Dies erreichte er auch, denn er zählt heute zu den meistgelesenen Autoren Brasiliens. Er studierte Medizin, Jura, Philosophie und Malerei, und er reiste - auch um seine Wurzeln zu erforschen. All diese Erfahrungen und sein Wissen verarbeitete er dann in seinen Romanen.

 

Fazit:

de Vasconselos versteht es, unglaublich lebendig zu erzählend: ergreifend und berührend, ohne jedoch auch nur einmal ins Sentimentale und Mitleiderheischende abzurutschen. Ein wunderschönes Buch, wie man es nicht so leicht ein zweites Mal antrifft.

 

Elisa Jannasch

José M. de Vasconselos, Mein kleiner Orangenbaum

Gebunden - Urachhaus
Erscheinungsdatum: März 2009
ISBN: 3825176738