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Sven Regener: Der kleine Bruder

 

Wartezeit ist die längste. Langsam tröpfeln die Sekunden in ein Minutenglas, sammeln sich zu Stunden, Tagen, Wochen, Monaten… bis man irgendwann aufhört zu zählen. Resignation, denn selbst zählen bringt Zeit nicht schneller voran. Warten ist der schmerzhafteste Part einer jeden Sucht. Das Warten auf das neue Glück, auf die Fortsetzung des Hochgefühls, das jedes Warten vergessen macht.

Meine Droge? Sven Regener. Ich verliebte mich in diese Stimme, als ich zum ersten Mal seiner „Romantik“ lauschte. Ich verliebte mich umso mehr in seinen Wortwitz, als ich ihn das erste Mal klagen hörte, er habe „immer nur geliebt“. Denn nur er vermag es, Vergleiche zwischen Herzen und gefrorenen Kaninchen anzustellen. Seine Texte sind so voll von Sehnsucht, die auf Realismus prallt und in melancholischer Schein-Gleichgültigkeit sanft auf den Hörer prasselt.
 

Als mir dann „Herr Lehmann“ in die Hände fiel, war es gänzlich um mich geschehen. Es folgten die „Neue Vahr Süd“ – und nun endlich, 4 lange Jahre später, schließt Sven Regener die Lücke um Frank Lehmann, besser bekannt als „der kleine Bruder“.

Regener setzt dort ein, wo die „Neue Vahr Süd“ aufhörte. Frank Lehmann setzt seinen Beschluss, seinen Bruder in Berlin zu besuchen, in die Tat um. Der Weg dahin war nicht leicht: vorgetäuschter Selbstmordversuch, um den Fängen des Bunds zu entkommen, Wolli, dessen selektives Halbwissen er auf der Fahrt von Bremen nach Berlin zu ertragen hatte, und dann noch Mannis – oder doch Freddies? – Mitbewohner. Das wären allen voran Karl, dann noch Erwin und seine Nichte Chrissi – irgendwie zählt sie ja doch dazu – und manchmal H.R. Definitiv nicht Manfred, der große Bruder, denn der ist verschollen. Verreist, lauten einige Theorien, der wollte doch schon immer nach New York. New York sei das einzig Wahre. Für Künstler wie Freddie. Berlin ist doch der letzte Scheiß dagegen. Ist es das wirklich?
Auf der Suche nach Manni-Freddie lernt Frank dessen Berlin kennen, die Szene, die Zone, die Punks, die Hippies und die, die keines von beiden sein wollen. Die Künstler und die, die es werden wollen. Die Kneipen und Gelegenheitsjobs. Kennen lernen, mögen lernen, … das scheint für Frank ineinander überzugehen.

Mit seinem unverkennbarem trockenen Humor, einzigartiger Wortwahl und der Regenerschen Logik fesselt auch „der kleine Bruder“ seine Leser. Und klärt ganz nebenbei, was die Kunstszene Berlins ausmacht und was Kunst eigentlich ist: „…dass es nur darauf ankommt, wer wann wo sagt, dass etwas Kunst ist, daran kannst du sehen, welche Macht man als Künstler hat, …“
 

Fazit:

Die Trilogie ist beendet, der Kreis hat sich geschlossen. Schade. Sven Regener hat jedoch ein kleines Wunder vollbracht, indem er tatsächlich den Spannungsbogen gehalten hat. Über alle drei Bücher. Er vermochte es, uns Herrn Lehmann wie einen alten Bekannten näher zu bringen. – Trotzdem: Sie werden uns fehlen, diese wortkarge Eloquenz des kleinen Bruders, die philosophischen Ansätze von Karl, sogar Erwin und das kleine Stück Nichtenfleisch. – Daher: Wir bleiben hier, denn bei uns geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um ihn dreht. Wir hoffen, dass er wiederkommen möge. Sven Regener sowieso, und vielleicht bringt er ja auch Herrn Lehmann mit.

 

P.S. Und wie jeder Rausch endete auch dieser nur zu schnell… nun bleiben mir bis zum nächsten Hoch nur die Wiederholungen und die Angst davor, dass irgendwann der Rausch nicht mehr stark genug sein wird…

 

 

Elisa Jannasch

 

 

Sven Regener: Der kleine Bruder

Gebundene Ausgabe - 281 Seiten - Eichborn
Erscheinungsdatum: September 2008
ISBN: 382180744X