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Osamu Dazai: Die sinkende Sonne

 

Nach dem zweiten Weltkrieg erlebten viele japanische Adelsfamilien ihren endgültigen Untergang: Ohne finanzielle Mittel, aber vor allem ohne die Pfeiler ihrer Identität mussten sie einer neuen Existenz entgegentreten.

 

„Leb wohl!

Meine Trunkenheit von gestern abend ist verflogen.

Ich werde nüchtern sterben.

Noch einmal: leb wohl! Kazuko!

Ich bin ein Artistokrat.“


Nein, das ist der junge Naoji nicht. Der drogensüchtige Veteran des zweiten Weltkrieges wurde zwar in eine Adelsfamilie hineingeboren, aber im Verlauf seines Lebens ändert sich die Gesellschaft um ihn herum und er zerbricht, wie so viele andere, an den neuen politischen und sozialen Umständen. Naoji begeht Selbstmord.

Für Kazuko, Naojis Schwester, ist dieser Verlust nicht der erste und letzte. Nach dem fürchterlichen Todesfällen in ihrer Familie und dem Verlust ihres eigenen Kindes, versucht sie in ihrer Liebe zum Autor Uehara Halt zu finden. Doch Uehara ist ein Alkoholiker und nahe dem Tod. Was bleibt Kazuko?

Osamu Dazais Buchtitel gibt Antwort: Nicht mehr viel. „Die sinkende Sonne“ ist die Diagnose für die fundamentalen gesellschaftlichen Umwälzungen und die damit verbundenen vernichtenden Wirren, in die das Individuum im Land der aufgehenden Sonne gerät.

Dabei könnte das Ende der Aristokratie ein Neuanfang sein, eine Chance, sich selbst neu zu definieren. Auch Kazuko gibt sich zwischendurch dem vitalisierenden Gedanken hin: Sie orientiert sich hier und da an Rosa Luxemburg, liest Marxisten, besonders aber das Bibel-Zitat „sanft wie eine Taube, klug wie eine Schlange“ möchte sie befolgen.

Es klappt aber nicht.

„Es gibt auch in unserer Gesellschaftsschicht keine rechtschaffenen Menschen mehr. Idioten, Gespenster, Pfennigfuchser, tolle Hunde, Windbeutel, hochtrabende Worte, die pissen sie aus den Wolken herab. Selbst um das Wort „Stirb“ ist’s viel zu schade!“ schreibt Naoji, der eigentlich Schriftsteller werden möchte.

Aber Osamu Dazai lässt ihn nicht. In seinem Werk gibt es nur Zerbrechen, noch nicht einmal Nostalgie, sondern Menschen, die atmen, essen, Schmerz fühlen und sterben. Und irgendwo dazwischen für einen Moment lang erahnen, dass das Leben soviel mehr bieten könnte. Und sie zerbrechen genau an diesem Moment, der ihnen ihre vermeintlich und (nur) scheinbar leere Existenz vor Augen führt.
 

Fazit:

Diese Lektüre ist ein Muss. Osamu Dazai berührt den Leser, er pickst ihn immer wieder mit der Unbarmherzigkeit des Schicksals seiner Protagonisten. Er amüsiert auch, sind doch die Blaublütler, die arroganten Herrschaften von einst, bei Osamu Dazai dort angelangt, wo das einfache Volk Jahrhunderte länger stand. Aber vor allem bringt Osamu Dazai japanische Geschichte zum Greifen nahe, durch Individuen, von denen man sich wünscht, es hätte sie lediglich in der Fiktion, nicht aber im wirklichen Leben gegeben.

 

Anna Gielas

Osamu Dazai: Die sinkende Sonne

Broschiert - Hanser
Erscheinungsdatum: 1958

ASIN: B0000BHBH3