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Birk Meinhardt: Im Schatten der Diva

 

„Eine Geschichte um Marlene Dietrich, ihren Mann Rudi und vor allem dessen Geliebte Tami“ – so die Ankündigung. Wer sich nun einen Roman über Marlene Dietrich, das Glamour-Leben der Vorkriegszeit und die Hollywood-Sphären der Schauspielerin erwartet, der  wird vielleicht enttäuscht sein. Oder er wird hinein gesogen in diese Menage à trois zwischen dem Ehepaar und der Protagonistin Tamara.

Birk Meinhardt selbst bezeichnet seine Romanfiguren als „schicksalhaft miteinander verbundene Personen des öffentlichen Lebens, die ihre wirklichen Namen tragen.“ Doch nicht das öffentliche Leben spielt für die emigrierte Russin Tamara Matul die tragende Rolle, sondern ihr eigenes, ganz privates Leben.

Meinhardt zeigt nicht nur die emotionalen Abhängigkeiten der Personen voneinander, er zeigt vor allem die nicht immer nur beiläufigen Zusatzfaktoren auf, durch die Leben maßgeblich gesteuert werden. Tamara und auch Rudi werden sehr detailliert geschildert: Insbesondere Tami entblättert Schicht für Schicht ihre Seele, wird dabei immer verletzlicher und immer mehr verletzt.

 

Marlene genießt nicht nur das öffentliche Leben, sondern sie lebt geradezu von der Bewunderung anderer Menschen. Sie möchte nicht nur beständig im Mittelpunkt stehen, sondern sie schiebt sich mit aller Macht in diesen. Denn wie kommt jemand dazu, einer Marlene Dietrich die Show zu stehlen?!

Rudi – Marlenes Papi – liebt sie ihn wirklich? Oder nur die Macht, die sie über ihn ausübt? Liebt er sie – oder nicht vielmehr nur ihr Geld, das ihm aus jeder Lage ganz selbstverständlich wieder heraushilft?

Denn Geld ist bei diesem Ehepaar die regierende Macht. Mit Geld schiebt man Probleme beiseite, vernichtet Leben, verrückt Existenzen. Ohne Rücksicht auf Konsequenzen und Verluste.

 

Schemenhaft geht Meinhardt auf den Nationalsozialismus ein – rückt diesen aber nicht in den Vordergrund. Auch wenn sie sich stets im Schatten der Diva fühlt – von Rudi und Marlene stets mit Nachdruck dahin gedrängt – so ist Tamara die eigentliche Heldin des Buches. Tamara, das russische Seelchen, das so wunderbar Gerichte aus ihrer Heimat und dabei russische Lieder singen kann. Tamara, Tänzerin, sinnlich, erotisch und wunderschön. Tami, die Ungeschickte, manchmal Naive, aber immer herzliche. Die treusorgende Tochter, die liebende und geliebte Schwester. Die sich doch nur Liebe und Geborgenheit gewünscht hatte.

 

Der Autor greift Themen auf, die es scheinbar immer schon gab, aber doch nie aktueller waren als heute. Die Trug-und-Schein-Maschinerie Hollywoods, die Oberflächlichkeit der Menschen, die Ohnmacht angesichts von Arbeitslosigkeit und Existenzangst, die Diskrepanz zwischen der Geld-mächtigen Oberschicht und der unteren Mittelschicht – denn dazwischen gibt es nichts – Depressionen, Bulimie. Kurzum: der Druck, nach außen hin perfekt zu erscheinen, zu funktionieren – um jeden Preis. Immer, ungefragt, ob beobachtet oder nicht.

 

Fazit:
 

Birk Meinhardt ist mit „Im Schatten der Diva“ ein Roman gelungen, der von der ersten Seite an fesselt.

Einfühlsam, dann wieder verstörend, versehen mit historischen Eckpfeilern: überaus lesenswerte Einblicke in die menschliche Psyche.

 

Elisa Jannasch

Birk Meinhardt: Im Schatten der Diva

Gebunden - Eichborn
Erscheinungsdatum: März 2007
ISBN:
3821858028