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Benjamin Lebert, "Der Vogel ist ein Rabe"
Als Teenager schrieb Benjamin Lebert "Crazy", wurde als Jungstar und Nachwuchsautor gefeiert. Zu der Zeit war ich in den USA, habe die ganze Aufregung dadurch verpasst. Als ich zurückkam, war alles irgendwie abgeflaut und es gab tausend andere Bücher für mich zu lesen. Wichtigere, dachte ich. Der Film wurde über den grünen Klee gelobt, besser als das Buch. Hatte ich auch nicht gesehen. Buchverfilmungen zerstören meiner Meinung nach wunderschöne Illusionen und Bilder, die man sich selbst geschaffen hat; sie richten die Phantasie zugrunde. Irgendwann, als ich zum wohl tausendsten Male an dem Buchrücken in unserem Regal vorbeigelaufen war, hatte ich es satt, ihn ständig vertrösten zu müssen. Also nahm ich die Lektüre in die Hand, verkrümelte mich in mein Bett und las. Und las. Die ganze Nacht durch. In den frühen Morgenstunden hatte ich es durch. Der Roman hatte etwas, das einen packte und nicht mehr los ließ. Man musste einfach bis zum Ende lesen. Ich war fasziniert von diesem Buch. Ein paar Jahre später hörte ich jetzt von seinem zweiten Roman. Sieh an, Benjamin Lebert war also doch keine Eintagsfliege. "Der Vogel ist ein Rabe" heißt das zweite Werk, auf den ersten Blick kein sehr aussagekräftiger, innovativer Titel. Ich beginne, über Leberts Debüt wieder nachzudenken und muss im Nachhinein Abstriche machen. Der Inhalt war gut und fesselnd, der Stil jedoch nicht sehr ausgefeilt. Damals war mir das kaum aufgefallen, doch heute bin ich ein wenig älter - genau wie der Autor auch. Vielleicht sind wir ja zusammen ein Stück erwachsen geworden.
Stück für Stück habe ich das Buch gelesen, morgens in der Bahn, abends in der Bahn. Und wieder geschah es, dass mich die Geschichte in den Bann zog. Es war wie in einem Sog, ich stellte mir die Charaktere vor, litt mit ihnen und fieberte dem Ende entgegen. Denn wieder einmal greift Benjamin Lebert Randgruppen auf und spinnt die Handlung um sie: Eine magersüchtige, trotzdem wunderschöne Frau und ein fresssüchtiger junger Mann.
Von der Gesellschaft
nicht akzeptiert wenden sie sich in Freundschaft einander zu. Sie wissen, dass
sie alles sind, was sie haben. Erzählt wird ihre Geschichte von Henry, einem
Außenseiter, der sich in der Gesellschaft der beiden Essgestörten wohl fühlt,
weil auch er nicht einsam sein möchte. Die Erzähltechnik ist in Leberts zweitem Buch wesentlich ausgeklügelter: Innerhalb der Rahmen-Story einer Zugfahrt von München nach Berlin berichtet Henry seinem Reisebegleiter Paul in Rückblenden von seinem bisherigen Leben. Unterbrochen wird die Erzählung nur von der Gegenwart und Pauls eigenen Gedankengängen, die er jedoch selten laut formuliert. Ebenso erging es mir: Ich ertappte mich oft dabei, wie ich gar nicht mehr weiter las, sondern gedankenverloren meine Blick schweifen ließ. Eben weil das Thema des Romans wieder so menschlich und daher berührend ist. Fast jeder kann sich mit den Gedanken über Einsamkeit, dem Gefühl der Ausgegrenztheit und dem Wunsch nach Veränderung identifizieren. Sein Erzählstil ist schlicht und einfach, doch gerade deshalb wirkt das Buch authentisch. Benjamin Lebert hat hier auch bewiesen, dass er es versteht, Spannungsbögen zu ziehen und die Leser mit einem unerwarteten Ende zu überraschen. Er erzählt nicht mehr nur, sondern flicht auch Gedanken beinahe philosophischer Natur mit ein, lässt die Charaktere reflektieren, pendelt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her. Es macht Spaß dem zu folgen, zu sehen, wo er damit endet, aber auch um sich selbst Denkanstöße geben zu lassen. Faszinierend zu beobachten ist ebenso, dass Benjamin Lebert aber auch in seinem zweiten Werk eine deutliche Tendenz zur Selbstzerstörung im Aufbau seiner Helden zeigt. Die Charaktere sind verzweifelt und kennen kaum Auswege, sie sind gezwungen, Entscheidungen zu treffen, um sich weiter zu entwickeln. Man kann beinahe Wetten darüber abschließen, dass sie die falschen Wege einschlagen. Aber ist es das nicht, was das Leben ausmacht? Falsche Entscheidungen treffen? Und sich dann wieder aufrappeln, den richtigen Weg suchen?
Fazit Ein Buch also für all diejenigen, die sich manchmal weit weg wünschen, in ein anderes Leben, an einen anderen Ort - oder einfach nur fort. Für all diejenigen, die lieber zuhören als selbst zu erzählen und die noch über die seltene Gabe des Träumens verfügen.
Elisa Jannasch zuerst veröffentlicht auf:
Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe
Broschiert - 128 Seiten - Kiepenheuer &
Witsch
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