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Mariatu Kamara: Das Mädchen ohne Hände

 

Gleichsam der Titel des Buches eher zum Gruseln als zum Lesen einlädt, konnte ich "Das Mädchen ohne Hände" schon nach wenigen Seiten nicht mehr aus den Händen legen. Mariatu Kamara (zusammen mit Susan McCleelland) schildert eindrucksvoll ihr (Über-)Leben in den Wirren des Bürgerkriegs von Sierra Leone.

Die ersten 11 Jahre ihres Lebens wächst Mariatu geliebt und relativ wohlbehütet, aber ärmlich ohne Schulbesuch in ihrem kleinen Heimatdorf in Sierra Leone inmitten ihrer Familie auf. Mit einem allzu aufdringlichen Mann, dem sie als Ehefrau versprochen werden soll, ziehen erste düstere Schatten auf. Doch diese werden von dem Bürgerkrieg und den immer näher rückenden Geschichten über die Rebellen bald verdrängt. Bis zu dem Tag, als das Dorf tatsächlich in einen Hinterhalt gerät, in dessen Verlauf Mariatu beide Hände abgehackt werden. Damit sie nicht mehr wählen kann, so die Rebellen.


Allein, schwer verletzt und verängstigt schleppt sich Mariatu mit einem schier unbegreiflichen Lebenswillen in das nächste Dorf, von wo aus sie über Umwege in ein Krankenhaus in Freetown gelangt. Dort trifft sie ihre verloren geglaubte Familie wieder. Ihre Cousins und Cousine - die das gleiche Schicksal wie Mariatu erleiden musste. Später stellt sie fest, dass Hunderte Kinder auf diese Weise von den Rebellen gezeichnet wurden. Im Krankenhaus erfährt sie, dass sie von ihrem verhassten Ehemann in spe vergewaltigt und geschwängert wurde. Ihre Familie und ihr Umfeld stehen ihr zwar helfend zur Seite, doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass eine Zwölfjährige Mutter wird. Sie lernt, ohne Hände ihr Leben zu meistern, und durch Betteln verdient sie ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht. Mittlerweile in einem Auffanglager für Flüchtlinge in Freetown untergebracht, bringt sie ihren Sohn zur Welt. Völlig überfordert entzieht sich möglichst oft ihrer Verantwortung ihm gegenüber. Von der Presse wird ihre junge Mutterschaft als Resultat der Vergewaltigung der Rebellen dargestellt. Diese Tatsache richtig zu stellen, gelingt Mariatu erst viele Jahre später. Durch Unterernährung und mangelnde Hygiene stirbt Mariatus Sohn noch im Säuglingsalter und hinterlässt in ihrem Leben eine große Lücke.

Diese zumindest oberflächlich zu schließen gelingt der Lager-Theatergruppe, die Mariatu mit einbezieht. Dort wird sie mit Themen wie Aids und der Aufarbeitung ihres Traumas auf (schau)spielerische Art und Weise konfrontiert, die ihre Heilung beschleunigt. Durch Hilfsorganisationen und die Presse gelingt es Mariatu, Kontakte nach Kanada und England zu knüpfen. Ihr erster Auslandsaufenthalt führt sie nach England, wo sie weder Land und Leute noch den ihr zugedachten Handprothesen etwas abgewinnen kann. Denn schließlich ist ihr größter Wunsch, nach Kanada auszuwandern. Mit viel Glück und Kampfgeist wird sich dieser Wunsch auch erfüllen und Mariatu den Weg in eine bessere Zukunft ermöglichen.



Mariatu Kamaru erzählt ihre Geschichte weder mitleidheischend noch neutral. sie erzählt sie voller Lebenswillen, legt Fakten dar und wirkt durch die Illustration ihrer vielen Tiefpunkte umso glaubwürdiger. Es geht ihr nicht um Effekthascherei, sondern um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für Sierra Leone. Dieses Buch zeigt, dass das Elend in dieser Region mit dem Beenden des Bürgerkrieges längst nicht vorbei ist, sondern der längste Weg noch vor den Bewohnern, den Opfern und den Helfern liegt.



Fazit:

Ein Buch, das aufrüttelt und die Augen öffnet. Es zeigt die wahren Werte im Leben auf, wie zum Beispiel die befreiende Wirkung von Vergebung. Gleichzeitig weist es darauf hin, wo überall auf der Welt noch Hilfe am dringendsten benötigt wird. Das Werben um Bewusstsein ist hier vollauf gelungen, denn die von Mariatu gezeichneten Bilder lassen den Leser so schnell nicht wieder los.

Elisa Jannasch

Mariatu Kamara: Das Mädchen ohne Hände

Broschiert - Pattloch
Erscheinungsdatum: Oktober 2009
ISBN: 3629022294