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Alex Garland, Das Koma

 

Endlich, endlich ist sie vorbei, die lange Zeit des Wartens auf ein neues Werk des britischen Autors Alex Garland.

Ist das nicht der, der das Buch... zu dem Film mit dem DiCaprio... ? Genau der ist das. Allerdings hat er nicht das Buch zum Film geschrieben, sondern die Filmindustrie hat The Beach als Vorlage für einen eher minder gelungenen Film verwendet. Doch mit seinem zweiten Roman The Tesseract überzeugte Garland dafür umso mehr und zog die Aufmerksamkeit der Kritiker auf sein Talent. 28 Days Later, sein dritter Streich, landete direkt in den Kinos. Und auch wenn Garland hierfür das Drehbuch selbst schrieb, enttäuschte das Ergebnis erneut.

Nun also liegt das vierte Buch vor. Das Koma. Dünn ist es, im Vergleich zu den ersten zweien. Eine Novelle. Und illustriert ist es auch, mit Ölschnitten von Nicholas Garland, dem Vater des Autoren. Düster und trostlos wirken diese auf den ersten Blick. Dadurch aber auch umso beeindruckender in ihrer Eindringlichkeit. Erst beim Lesen ist es bemerkenswert, wie treffend es diese Bilder in ihrer Schlichtheit verstehen, Emotionen oder die vielen Worte eines Kapitels in einem einzigen Umriss einzufangen.

 

Der Protagonist Carl befindet sich auf dem Nachhauseweg nach einem langen Arbeitstag, als er bei dem Versuch, einem jungen Mädchen zu helfen, von Unbekannten überfallen wird. Sie schlagen ihn zusammen, er fällt ins Koma. Kurz und bündig kommt dieser Prolog daher, ist er doch auch beinahe überflüssig für die eigentliche Geschichte, die Garland in den folgenden Kapiteln erzählt.

Die Geschichte einer Reise. Ins Innere, ins Ich, in die Vergangenheit, in die Realität. Sie beginnt in einem Krankenhauszimmer. Doch in welchem Zustand, bleibt lange Zeit unklar. Garland spielt mit seinem Leser, indem er ihnen mal vorgaukelt, Carl wäre aus dem Koma erwacht und müsse sich nun an das Leben „danach“ gewöhnen. Abrupt entreißt er ihnen jedoch wieder diese Illusion, denn der Patient ist nicht erwacht, sondern versucht, im Unterbewusstsein seine Identität zu rekonstruieren.

Garland begleitet ihn auf seiner Reise, stellt dabei Personen aus Carls Umfeld vor, legt seine Träumen und Wünsche dar. Er zeichnet einen Menschen in seinen intimsten Details, ohne jedoch jemals wesentliche, tatsächliche Fakten über ihn oder sein Leben preiszugeben.

 

Bereits in The Tesseract bewies Garland seine Gabe für die psychologische Kriegsführung. Scheinbar mühelos baut er verschiedene Handlungsstränge auf und verfolgt jeden einzelnen davon minutiös, um sie zum Schluss alle miteinander zu vereinen. Auch in Das Koma führt er die Leser oft in die Irre, da er Carls Leben als ein Puzzle zeichnet, das sich anhand der einzelnen Kapitel zu einem Ganzen zusammenfügt.

Daraus ergibt sich der für Garland so typische spannende Erzählstil, da der Autor nur immer häppchenweise Informationen und Gedanken preisgibt. Verstärkt wird dieser Effekt durch seine manchmal stakkatohafte, abgehackte Sprache, wodurch Gedankenprozesse sehr plastisch geschildert werden. Beinahe kafkaesk wirkt diese Mischung in Hinblick auf die verwendeten – manchmal zusammenhanglosen – Wortketten, welche die Verlorenheit des Komapatienten oder des Denkenden im Allgemeinen widerspiegeln. Das Chaos der Wortanordnung stellt das Chaos in den Gedanken, die Verwirrung Carls dar und steht damit in eigenartigem, aber doch sehr passenden Kontrast zur klaren, fast einfachen Sprache der Novelle.

Das Koma als ein Zustand der Bewusstlosigkeit wird als unbewusste Reise durch elementare Gedankenwelten bzw. die Seele beschrieben. Damit geht Garland der ewig präsenten Frage der Philosophie nach: Bin ich wach oder träume ich? Doch im Gegensatz zu Theorien wie die von Platon tendiert Garland mehr zu der Auffassung beispielsweise Kafkas, dass es einen fließenden Übergang zwischen diesen Zuständen gibt.

Ein weiteres, nicht weniger wichtiges Element dieses Buches ist die Kritik an dem Unvermögen der heutigen Menschheit, tatsächlich miteinander kommunizieren zu können, wie Garland deutlich an der Wunschbeziehung zwischen Carl und Catherine aufzeigt. Seiner Meinung nach begründet sich dieses Dilemma darin, dass zu wenig Verständnis und Zeit für die Mitmenschen, ihre Welten, Gedanken und Lebensumstände aufgebracht werden. Auch die fehlende Liebe zum Detail und Sinn für die kleinen Dinge tragen zu der zunehmenden „Sprachlosigkeit“ bei.

Leider viel zu rasch und abrupt erfolgt das Ende der Novelle, beinahe ein wenig überhastet. Dadurch werden viele Frage nach dem Wie? und Warum? aufgeworfen, die den Leser ob ihrer Nicht-Beantwortung unbefriedigt zurücklassen.

 

Fazit

Ein überaus lesenswertes Buch, das viele Fragen aufwirft, ohne jedoch notwendigerweise Antworten zu bieten. Dadurch eröffnet es neue Perspektiven und regt zum Nachdenken an.

Wie eine Gebrauchsanleitung fürs Leben: erwachen aus dem Leben, um leben zu können.

Elisa Jannasch

 

Alex Garland: Das Koma

Gebundene Ausgabe - Goldmann
Erscheinungsdatum: August 2004
ISBN: 3442310814