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Waris Dirie: Schwarze Frau,
weißes Land
Über die „Wüstenblume“ gewann ich vor weit über zehn Jahren wie Millionen
anderer Leser erstmals Einblicke in das Leben und den Werdegang der Waris Dirie.
Und wie Millionen anderer Leser war ich fasziniert von der fremden Kultur, dem
Mut dieses Mädchens und seinem Durchhaltewillen – und seiner ganz eigenen
Aschenputtel-Geschichte. Ein Image, gegen das Waris Dirie nun entschieden
ankämpft.
Geboren wurde Waris Dirie
1965 als Tochter einer Nomaden-Familie in Somalia. Im zarten Alter von fünf
Jahren wurde sie dem grausamen Ritual der Beschneidung (Female Genital
Mutilation (FGM) = weibliche Genitalverstümmelung) unterzogen, was sie nur knapp
überlebte. Mit 13 Jahren sollte sie mit einem wesentlich älteren Mann
verheiratet werden, weshalb sie die Flucht wagte: weg von ihrer Familie, in die
menschleere Wüste, in eine ungewisse Zukunft, die sie bis nach London führt. Als
Analphabetin schlägt sie sich als Putzfrau durch, bis sie als Model entdeckt
wird. Ein beinahe märchenhafter Aufstieg, der jedoch nicht nur von glücklichen
Zufällen, sondern auch von Waris Diries Hartnäckigkeit und Überlebenswillen
gelenkt wurde. Diese Eigenschaften führten sie geradewegs in die Glamourwelt und
an die Spitze des weltweiten Modezirkus, von dem sie sich jedoch zu distanzieren
versuchte. Denn ihre Wurzeln erinnerten sie stets daran, was ihr wirklich
wichtig ist. Heute widmet sich Frau Dirie, Mutter zweier Söhne, hauptsächlich
der Arbeit ihrer Stiftung, der Waris Dirie Stiftung gegen FGM.
In dem Roman beschreibt sie neben ihrer Arbeit für
die Stiftung auch die Produktion der Verfilmung ihrer Geschichte „Wüstenblume“,
die für sie eng mit ihrem politischen Engagement verbunden sind. Waris Dirie
möchte so ein möglichst breites Publikum erreichen, dem sie vor Augen führen
kann, welches Unrecht FGM darstellt, welche Folgen es haben kann. Vor Ort
versucht sie, Frauen die Illusion zu nehmen, dass Europa der gelobte Kontinent
sei, in dem es von allem – Arbeit, Geld, Nahrung – im Überfluss gebe. Sie
antizipiert Hilfe zur Selbsthilfe, wie es viele vor ihr schon getan haben. Ihr
Ziel ist es, insbesondere Frauen zu einer Ausbildung zu verhelfen, da sie in
Afrika in den meisten Haushalten die Hauptverdiener stellen. Gleichzeitig macht
sie sich auch gegenüber Regierungsbeamten für ihre Ziele stark, ohne ein Blatt
vor den Mund zu nehmen oder sich einschüchtern zu lassen.
Auch wenn Waris Dirie hervorhebt, wie wichtig ihr selbst ihr politisches
Engagement ist, so enttäuscht das Buch in dieser Hinsicht. Denn gerade diese
Aspekte werden nur angekratzt und stets in denselben Phrasen wiedergegeben, so
dass der Leser keine tieferen Einblicke erhält. Auch wenn Waris Dirie sich über
die Korruption und den Luxus gegenüber den armen Schichten empört, so drängt
sich dem Leser das Gefühl auf, dass sie eine Doppelmoral lebt – denn auch sie
hebt sich durch ihre Statusgüter deutlich von der Unterschicht ab. Auch wenn
eine Schule als Prestigeobjekt der Präsidentin verdammt wird, so bleibt doch ein
fader Nachgeschmack zurück: Ist es nicht eigentlich egal, welchem Zweck solche
Projekte dienen, so lange sie letztendlich wenigstens ein paar Kindern Bildung
ermöglicht? Genau das sucht doch Waris Dirie auch zu erlangen.
Waris Dirie hat seit dem Erscheinen ihrer
weltweiten Bestsellers „Wüstenblume“ einige Romane und Sachbücher
veröffentlicht. Doch vom literarischen Stil her hat tatsächlich nur das
Erstlingswerk berühren können: weniger durch ein höheres Niveau, aber durch eine
emotionale Sprache. „Schwarze Frau, weißes Land“ versucht, auf sachlicher Ebene
zu argumentieren, bleibt aber in der Sprache hinter diesem Ziel zurück.
Dennoch sollte man trotz allem nicht vergessen, dass es sich hierbei nur um ein
Buch handelt. Denn wie Waris Dirie nicht müde wird zu betonen: Dies ist nur ein
Beiwerk, der Weg zum Ziel – der Unterbindung von FGM und der Verbesserung der
Lebensbedingungen, vor allem für Frauen und Kinder, in Afrika. Doch müsste
gerade dann der Weg nicht ansprechender und überzeugender sein?
Fazit:
Ein spannendes Buch, das
Einblick in den Alltag der Waris Dirie, die Dreharbeiten der Verfilmung von
Wüstenblume gibt – aber leider gerade bei den vermeintlichen Kerninhalten wie
der FGM oder auch die politische Situation zu sehr an der Oberfläche bleibt.
Weitere Informationen:
www.waris-dirie-foundation.com
Elisa Jannasch
Waris Dirie: Schwarze Frau, weißes Land
Gebunden -
Droemer/Knaur
Erscheinungsdatum: Mai 2010
ISBN: 342627535X
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