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Nicolas Dickner: Tarmac - Apokalypse für Anfänger
Was machst du, wenn du einen IQ von 195 hast und deine größte Faszination die Mathematik, Biologie und Physik ist? Du freundest dich mit jemandem an, der Science Fiction und Archäologie verehrt (und später einmal Komparatistik studieren möchte). Dinge, die Gleichaltrige nicht verstehen. Genausowenig wie ihre Faszination mit den aktuellen Tagesnachrichten. Gut zu wissen, dass nicht nur zu Hause alles den Bach heruntergeht.
Hope stammt aus einer Reihe von Randalls, die allesamt Prophezeiungen sehr plastischer Art für ihre persönliche Apokalypse erhalten hatten. Inklusive des exakten Datums. Sollte der Untergang an diesem Tag nicht eintreten, halfen schon ganze Generationen Randalls nach. Üblichweise endet diese Episode dann mit dem Tod oder in der Psychiatrie. Bis auf Ann Randall, sie erhielt nur einen vagen Vorgeschmack auf ihren Weltuntergang im Sommer 1989. Diese Unbestimmtheit löst in ihr Psychosen aus, die weder ihre erfolglosen Berechnungen, Pharmazeutika noch ihre Tochter Hope bekämpfen können. So flieht sie Hals über Kopf mit Hope in den Nordwesten, um ihrer Bestimmung für zumindest ein paar weitere Stunden entgehen zu können. Sie stranden mit Unmengen von konservierter Nahrung, auf die ganze Raumstationen mit Neid geblickt hätten, in der Provinz Québec und mieten sich dort in einer ehemaligen Tierhandlung ein. Klingt schlimm - aber auch Hope kann der fortschreitende Verwahrlosung nach dem Einzug keinen Einhalt gebieten. Als Ann Randall erkennt, dass sie ihre Apokalypse weder vorherbestimmen noch verhindern kann, ändert sie ihre Route der Selbstzerstörung und verschreibt sich dem Alkoholismus. Hope, abgeschreckt durch die jahrhundertlange Familientradition, beschließt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und würfelt ihr eigenes Apokalypse-Datum. 17. Juli 2001. Doch so ganz kann auch sie sich der Bedrohung durch dieses Mysterium nicht entziehen. Vor allem dann nicht länger, als sie ihre Prophezeiung von der Publikation eines Charles Smith gestützt sieht. Sie möchte diesen Herrn finden und zur Rede stellen: Koste es, was es wolle. Ihre Odyssey führt sie letztendlich bis nach Tokio - und trotzdem allem bleibt sie immer mit Mickey tief verwurzelt.
Ebenso wie der Protagonist seines Romans stammt Nicolas Dickner aus dem verschlafenen Rivière-du-Loup der französisch-sprachigen kanadischen Provinz Québec. Ihm ist ein wunderbares Buch gelungen, dass sowohl durch seine Hintergrundinformationen, teilweise absurden Fakten und die historische Einordnung ebenso die Spannung aufrecht zu erhalten vermag wie durch die Lebensgeschichte von Hope und Mickey, die untrennbar miteinander verbunden ist. Durch Schicksal zusammengeführt - und vom Schicksal nicht so leicht wieder zu trennen. Trotz melancholischer und nachdenklicher Untertöne eine anrührend-romantische Geschichte, die tatsächlich Hoffnung gibt und das Gefühl vermittelt, dass nicht jeder Weltuntergang gleich eine Apokalypse sein muss.
Fazit: Ein Roman, der etwas geschafft hat, was lange vor ihm kein anderes Buch mehr vermochte: mich einen gesamten Vormittag im Bett zu halten, bis ich den letzten Satz verschlungen hatte. Mitreißend, wunderschön, verwirrend, lustig, traurig, ... Und jetzt habe ich Fernweh und frage mich, wie wohl meine persönliche Apokalypse aussehen mag. Und wann sie wohl kommen wird. (und was wohl aus unserem alten Lada geworden ist... beige war er, und leistete ebenfalls treue Dienste...)
Elisa Jannasch Nicolas Dickner: Tarmac - Apokalypse für Anfänger
Gebunden
- Frankfurter Verlagsanstalt
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