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Buddhadeva Bose: Das Mädchen meines Herzens

 

Ein Roman über das, was alle Menschen - mögen sie noch so unterschiedlich sein - immer wieder miteinander verbindet: die erste, die große Liebe. Für manche Menschen eine ferne Erinnerung, für andere die Gegenwart. Mal sind die Erinnerungen schmerzlich-süß, dann wieder nur schmerzlich oder aber gar ungetrübt. Doch wir alle haben sie erfahren...

Ein harter Winterabend zwingt die Passagiere eines Zuges, in der Halle eines kleinen Bahnhofs, in einer Kleinstadt irgendwo in Indien, über Nacht auszuharren. Wann der Zug weiterfahren würde, ist ungewiss. In dieser Kälte finden sich vier Männer zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: ein eloquenter Arzt, ein temperamentvoller Dichter, ein etwas grobschlächtiger Bauunternehmer sowie ein ernster Beamter. Sich ihrer Unterschiedlichkeit wohl bewusst seiend, kommt nach einer Vorstellungsrunde ein Gespräch nur stockend zustande.

Als plötzlich ein junges, augenscheinlich verliebtes Pärchen auf Suche nach Wärme und abgeschiedenen Raum einen kurzen Blick in die Wartehalle mit den vier Männern wirft, steht mit deren plötzlichen Erscheinen und Verschwinden ein Thema im Raum: die große Liebe. Die Herren einigen sich, dass jeder von ihnen die Geschichte seiner großen Liebe erzählt - zur Verkürzung der Wartezeit. Den Anfang macht der Bauunternehmen, der zwar abstreitet, jemals eine Liebe erlebt zu haben, aber er könne von einem Freund erzählen. So entspinnt sich die erste Geschichte über einen jungen Mann, der es wagt, nur aus der Ferne ein Mädchen zu bewundern, ohne sich jemals seine Gefühle für sie einzugestehen. Zwischen ihnen stehen Rang-Ränkeleien - Bildung versus Geld - was von den jeweiligen Familien noch verstärkt und mit zuviel Stolz voran getrieben wird. Er kann ihr und ihrer aus einer Notsituation heraushelfen, doch ihre Liebe gewinnt er nicht.

Auf diese traurige Geschichte erzählt der Beamte von einem jungen Mädchen, das seine erste Liebe war - vielleicht auch die größte. Die Liebe auf den ersten Blick. Aufgrund von Scheu und Altersunterschieden fanden die beiden niemals zueinander und lebten glücklich in ihren jeweiligen Ehen und Familien. Doch bei jedem Aufeinandertreffen eröffnet sich ihnen, wie viel größer Gefühle doch sein können.

Der nächste in der Runde, der Arzt, schwelgt in den Erinnerungen, wie er seine große Liebe - seine jetzige Frau - fand. Eine wunderschöne, doch zutiefst verzweifelte Schauspielerin war sie bei ihrer erster Begegnung. Verzweifelt am Liebeskummer zu seinem Freund. Mit viel Zeit und Behutsamkeit gelang es dem jungen Arzt, dem Mädchen wieder Lebensfreude zu schenken - und errettete sie gleichzeitig noch vor der Heirat mit einem von ihr ungeliebten, aber von der Familie zugedachten Kandidaten. So entwickelte sich denn letztendlich aus einer Bekanntschaft eine tiefe Verbundenheit, aus der Liebe erwachsen konnte.

Der Dichter schließt die Erzählrunde mit einer Erzählung aus seiner Jugend. Er und seine unzertrennlichen Freunde lernen ein junges Mädchen kennen. Sie alle wetteifern um ihre Aufmerksamkeit, doch es sind die kleinen Momente, die dem Dichter Hoffnung schenken, er könnte am weitesten zu ihr vordringen. So verbringen die vier viele Jahre in inniger Freundschaft, bis die junge Frau schließlich heiratet. Dies tut der Beziehung zu den drei Freunden keinen Abbruch, ganz im Gegensatz zu ihrer Schwangerschaft - denn sie erliegt ihr im Kindbett. Doch was dem Dichter blieb waren unvergessene Momente zwischen ihnen beiden, die ihm zeigen, dass eine Seelenverwandtschaft vielleicht noch wichtiger wiegt als das Ausleben der großen Liebe.

 

Buddhadeva Bose schafft es mit diesem Roman eine Brücke über sämtliche Kulturen, Sitten und Sprachen hinweg zu schlagen. Denn das Thema Liebe ist ein universelles. In klarer, unverschnörkelter Sprache schafft er es trotz aller Nüchternheit, faszinierende Bilder auferstehen zu lassen, die den Leser verzaubern. Auch die Übersetzung aus dem Bengalischen von Hanne-Ruth Thompson ist als gelungen anzusehen.

Der Autor (1908-1974) zählt zu den wichtigsten bengalischen Literaten des 20. Jahrhunderts und zu seinem literarischen Nachlass zählen etliche, Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays. Seine Liebe zur Literatur und ihren mannigfaltigen Formen lassen sich auch in "Das Mädchen meines Herzens" an vielen Stellen finden: Denn fast immer findet sich ein junger Dichter in den Geschichten, die mit Hilfe der Kunst des Schreibens das Leben etwas poetischer auffassen und seine seine Tiefe und die damit verbundenen Konsequenzen besser begreifen wissen.

 

Fazit:

Ein kurzweilig zu lesender Debütroman, der den Leser nachdenklich stimmt - melancholisch-hoffnungsvoll. Denn wer schwelgt an einem ruhigen Abend nicht gern in den Erinnerungen an die glücklichsten Stunden seines Lebens, auch wenn sie noch kurz waren. Und andere haben das Glück, diese Erinnerungen mit dem Objekt ihres Glücks an just diesem Abend teilen zu können.

Bitte mehr davon!

 

Elisa Jannasch

Buddhadeva Bose: Das Mädchen meines Herzens

Gebunden - Ullstein
Erscheinungsdatum: September 2010
ISBN: 9783550088131