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Sibylle Berg: Der Mann schläft

 

Endlich ein neuer Roman von Sibylle Berg. Mit dieser Erwartung öffnete ich "Der Mann schläft". Und überlegte bereits nach den ersten 30 Seiten, ob ich dieses Buch nicht doch besser ganz schnell wieder zur Seite lege. Doch da ich von Grund auf optimistisch eingestellt bin, wollte ich Frau Berg eine Chance gebe. Ich las weiter. Doch mein Gefühl, diesem Buch nichts abgewinnen zu können, hielt an. Gefesselt hat mich lediglich die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren.

 

"Der Mann schläft" holt weit aus: Der Beginn der erzählten Geschichte liegt vier Jahre zurück. Und gleichzeitig wird die Gegenwart wiedergegeben. Ein Hin und Her zwischen den Zeiten, die sich immer näher kommen - die Vergangenheit holt das Heute ein und droht, sich zu wiederholen. Der Roman spielt im Tessin und auf einer kleinen Insel vor Hong Kong. Die Kulisse verschwindet zur Nebensächlichkeit, denn von Belang ist nur die Protagonistin. Und der Mann, den sie vor dreieinhalb, fast vier Jahren kennen lernte. Und mit dem sie seit diesem Zeitpunkt jeden Tag verbrachte. Nach den ersten Mühen des Zusammenlebens konnte sie nicht mehr ohne ihn sein. Wollte sie nicht. Denn er war ihr Zuhause, ihr einzig sicherer Ort, ihr Schiff bei Sturm. Doch während des Urlaubs verschwand er plötzlich spurlos. Und mit ihr der Lebenssinn der Protagonistin. Bis sie auf das kleine, sehr altkluge Mädchen Kim (die "kleine Studienrätin") trifft, das mit ihrer Abgeklärtheit das Leben der Erzählerin in ihre Bahnen lenkt. Denn schließlich will keiner gern allein sein - weder die Erzählerin, noch Kim oder ihr Großvater. Nur muss die Gesellschaft erträglich sein.

 

Hier aber beginnt das größte Problem der Erzählerin. Die Menschenrasse ist ihr zuwider. Es existieren kaum Menschen, die sie interessieren: Denn die Meisten leben ein profanes Leben, von dem sie glauben, es sei erfüllend. Doch, so die Erzählerin, ein Leben kann nicht zufrieden stellend sein, wenn es nichts Außergewöhnliches hervorbringt. Und Stereotype ekeln sie, da sie von von Oberflächlichkeit, Ignoranz und Dummheit zeugen. Eigenschaften, die für Menschen charakteristisch sind. Daher umgibt sie sich selbst auch nur mit möglichst wenigen und auch nur dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Der Mann jedoch bildet eine Ausnahme, denn mit ihm zusammen kann sie über Menschen schlecht reden, oder auch nur schweigen und sie selbst sein. Er ist da und ist zufrieden, wenn auch sie da ist.

 

Auch wenn der Leser sich in der einen oder anderen Sekunde, in einem Halbsatz selbst zu erkennen glaubt, so ist dieser Roman ein Meisterstück der Anleitung: Wie man selbst nicht werden möchte. Das Menschenverachtende der Protagonistin ist ein Selbstschutz, ein Defensivmechanismus, um sich nicht mit der eigenen Persönlichkeit auseinander setzen zu müssen. Denn ist es nicht so viel einfacher, die Gründe für das eigene Unwohlsein, die Einsamkeit und mangelnde Liebe in der Umwelt zu suchen, als bei sich selbst!? - mit jedem Dialog hofft man für die Erzählerin: hofft, dass sie zu Gefühlsregungen imstande ist - und wird doch enttäuscht. Oder auch nicht, denn man kann einem solchen Menschen kaum guten Gewissens Glück wünschen.

 

Ein Roman, der deprimiert. Vielleicht auch, weil er uns den Spiegel der Gesellschaft vorhält. Und der trotz allem Hoffnung spendet: für die eigene Person, die der Welt zum Trotz noch nicht so abgestumpft ist.

 

Fazit:

Mit "Der Mann schläft" ist Frau Berg etwas gelungen, was ich nicht für möglich gehalten habe: Zum einen bin ich seit diesem Buch kein bedingungsloser Fan mehr, zum anderen habe ich verstanden, dass Bitterkeit und Arroganz Einsamkeit schaffen. Nicht umgekehrt. Frau Berg hat mich gelehrt, dass die Einsamkeit das größte, allumfassende Gefühl ist, vor der jeder Mensch - gleich welcher Rasse, welchen Alters oder Geschlechts - sich am meisten fürchtet.

 

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Elisa Jannasch

Sibylle Berg: der Mann schläft

Gebunden - Hanser
Erscheinungsdatum: August 2009

ISBN: 3446233881