|
|
|
Isabel Ashdown: Am Ende eines Sommers
Jake und
Mary. Sie erzählen die Geschichte dieses Romans. Jeder aus seiner Perspektive.
Was auf den ersten 50 Seiten wie ein verwirrendes Hin und Her anmutet, ergibt
nach und nach mehr Sinn – vor allem, wenn man der Jahreszahl eines jeden
Kapitels Beachtung schenkt. Denn die 23 Jahre, die zwischen den Erzählenden
liegen, sind zugleich der Schlüssel. In unterschiedlichem Tempo bewegen sich die
Figuren durch ihre Lebensgeschichte und enthüllen nach und nach die des jeweils
anderen.
Mary
und ihre ältere Schwester Rachel wachsen wohlbehütet, aber auch eingezwängt in
den 60ern Englands auf. Gerade Mary scheint sich mit den Werten ihrer Eltern –
Sicherheit und für eine junge Dame angemessenes Verhalten – anfreunden zu
können, während Rachel schon früh pubertierende Ausbruchsversuche wagt. Doch mit
dem Einsetzen der Adoleszenz bei Mary eifert diese mehr und mehr ihrer Schwester
nach – und bald sind weder Tanzflächen noch Männer oder Alkohol vor den beiden
sicher. Beide Schwestern finden ihre große Liebe, doch während Rachel mit ihrer
Wahl die Zustimmung des Elternhauses findet, gelingt dies Mary mit dem
Handwerker Billy nicht. Ihrer Liebe zugunsten bricht die mit ihrer Familie und
gründet mit Billy ihre eigene Familie. Obwohl sie sich und Billy stets
versichert, ihr Glück gefunden zu haben, zerbricht sie innerlich an der
Entfremdung, über die auch ihre drei Söhne ihr nicht hinweg zu helfen vermögen.
Auch wenn Rachel zunächst noch losen Kontakt mit Mary hält, so bricht der ab,
nachdem Mary Billy und ihren kleinen Sohn für ein Festival inklusive
Seitensprung temporär im Stich lässt. Rachel wacht währenddessen an Billys Seite
und scheint Mary ihre Unüberlegtheit verzeihen zu können, doch letztendlich
liegt dieser Kontakt für fast 14 Jahre auf Eis.
Der 14-jährige Jake, mittlerer von drei Jungs, lebt mit seinem jüngeren Bruder
allein bei seiner Mutter, nachdem der älteste Junge die Familie verlassen hat
und durch Europa reist. Doch mütterliche Aufmerksamkeit geschweige denn
Zuwendung scheint Mangelware zu sein, genau wie Geld oder geordnete
Verhältnisse. Die Mutter erscheint als manisch-depressive Alkoholikerin, die
Gründe dafür kann auch Jake nicht benennen. Einzig der Vater gibt Rückhalt und
steht zu seiner Hoffnung, die Familie wieder zusammen führen zu können. Doch in
der Zwischenzeit ist es an Jake, sich um die Pflege der Mutter und das
Großziehen seines kleinen Bruders, der möglichst von alldem noch nichts
mitbekommen soll, zu kümmern. Der väterliche Freund und spätere Arbeitgeber Mr
Horrocks unterstützt Jake und gibt ihm eine Chance in Form von bezahlten
Handlangerarbeiten. Erst als Jakes verwitwete Tante Rachel, von deren Existenz
er nichts wusste, und deren zwei Kinder plötzlich in das Leben der Familie
treten, scheint sich wieder alles zum Guten zu wenden. Rachels Ältester George
ist auf den Tag genau so alt wie Jake – und tatsächlich fühlen sich beiden bald
wie Brüder. Die Mutter schwört fürs Erste dem Alkohol ab, die Familie kommt
wieder zusammen und Jake hat seit langem wieder das Gefühl, zu Hause zu sein.
Bis beide Familien in einen gemeinsamen Urlaub nach Frankreich aufbrechen…
Die englische Autorin Isabel Ashdown wurde 1970
geboren und hat überraschenderweise sich nicht schon ihr ganzes Leben mit der
Literatur beschäftigt. Nach 15 Jahren Manager-Dasein in der Kosmetikindustrie
beendete sie ihre Karriere zugunsten des Schreibens. Sie selbst berichtete in
einem Interview mit „The Guardian“ über ihre schwierige Kindheit mit einem
alkoholkranken Vater – Impressionen, die auch „Am Ende eines Sommers“ prägten.
Die von ihr beschriebenen Auf-und-Abs, die exzessiven Stimmungsschwankungen
spiegeln sich auch in ihrem Debütroman wieder, dennoch gibt es auch deutliche
Differenzen. Heute lebt sie mit Mann und Kindern in Südengland.
Die Autorin hat mit „Am Ende eines Sommers“ nicht nur einen inhaltlich überaus
spannenden Debüt-Roman abgeliefert, sondern auch sprachlich. Jede Figur hat eine
für sie typische Sprachweise; Ashdown baut Charaktere anhand ihres Ausdrucks.
Ihr gelingt es, mit Worten Bilder zu malen, die sich immer weiter vor dem
inneren Auge des Lesers ausbreiten. Sie findet abwegige Metaphern, die aber bei
genauerem Nachdenken doch so nachvollziehbar sind. Sie beschreibt die Situation
zwar aus der Sicht des jeweiligen Protagonisten und geht auch auf deren
Lebensumstände ein, doch gelingt es ihr stets eine gewisse Distanz zu wahren,
die dieser Geschichte ungeheure Kraft verleiht. Obwohl sie nie nur nüchtern ist,
driftet sie auch nie ins Sentimentale, Klischeehafte ab. Sie heischt nicht nach
Mitleid, für keinen der Protagonisten und am allerwenigsten für sich selbst.
Fazit:
Isabel
Ashdown ist mit „Am Ende eines Sommers“ ein mitreißender Roman gelungen, der
nicht nur sprachlich überzeugt, sondern vor allem fesselt. So schnell und
zusammenhängend hatte ich schon lange kein Buch mehr gelesen – eine
Familiengeschichte ohne jegliche Sentimentalität.
Elisa Jannasch
Isabel Ashdown: Am Ende eines Sommers
Gebunden
- Eichborn
Erscheinungsdatum: August 2010
ISBN: 3821861207
|